Eine Vereinfachung des Steuerrechts soll her – aber wie???

Januar 11, 2010 by

Die neue Bundesregierung möchte das Steuerrecht spürbar vereinfachen und von unnötiger Bürokratie befreien. Davon sollen neben der Steuerverwaltung und den steuerberatenden Berufen, vor allem die Steuerzahler profitieren.  Kein einfaches Thema bei wegbrechenden Steuereinnahmen und einer Staatsverschuldung von aktuell 1655 Millarden Euro. Die Kosten an  „Steuergeschenken“ für den Bürger belaufen sich 2010 auf 20 Milliarden Euro. 

Nicht nur die Fülle an steuerrechtlichen Normen lässt das Steuerrecht für die Bürgerinnen und Bürger undurchsichtig werden, sondern auch die Komplexität der Paragraphen, die durchaus mehrere Seiten im Steuergesetzbuch in Anspruch nehmen. Schon bei der letzten Bundestagswahl gab es einen (gescheiterten) Versuch das nationale Steuerrecht von Grund auf umzustrukturieren und mit großer Sicherheit wird auch noch bei der nächsten Wahl auf Bundesebene das Steuerrecht ein zentrales Thema sein. 

Die im Koalitionsvertrag aufgeführten Maßnahmen sind grundsätzlich begrüßenswert und werden in der Bevölkerung mit großer Sicherheit auf Zuspruch stoßen. Es ist keine Seltenheit, dass Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Einkommen- oder Lohnsteuererklärung nicht zu Recht kommen und die Hilfe eines Steuerberaters aufsuchen. Dabei sollte die Einkommen- oder Lohnsteuererklärung den Bürgern doch die Chance bieten, Belastungen und Steuern zurück erstattet zu bekommen. Künftig soll es den Bürgern nun möglich sein, ohne Papierbelege mit den Finanzämtern zu kommunizieren. Dazu muss man aber erst einmal das deutsche Steuersystem verstehen. Außerdem sollen rückwirkende gesetzgeberische Maßnahmen, welche die Bürger belasten vermeiden werden.

Ein sehr begrüßenswerter Schritt der neuen Koalition ist es, allen Bürgern auf Wunsch eine vorausgefüllte Steuererklärung mit den bei der Finanzverwaltung vorhandenen Daten zur Verfügung zur stellen, so dass man am Ende des Jahres die eigene Einkommen- oder Lohnsteuererklärung ausgefüllt vor sich liegen hat und nur noch eventuelle Korrekturen vornehmen muss. Außerdem will die neue Bundesregierung laut Koalitionspapier den steuerlichen Abzug privater Steuerberatungskosten wieder einführen. In der Theorie klingt dies einfach, in der Praxis muss jedoch abgewartet werden, ob sich alles so einfach gestaltet wie gedacht.  Es wird dem Steuerpflichtigen sicherlich nicht erspart bleiben das betreffende Jahr noch einmal aus steuerrechtlicher Sicht Reveu passieren zu lassen und offene Positionen in der Einkommen- oder Lohnsteuererklärung auszufüllen.

Kritisch zu betrachten ist das Vorhaben, den Veranlagungszeitraum der Einkommenssteuererklärung für Arbeitnehmer auf zwei Jahre auszuweiten. Es ist nicht „einfach einfacher“ die Steuererklärung nur noch jedes zweite Jahr abgeben zu müssen. Das Leben der meisten Menschen so vielfältig, dass  der Steuerpflichtige im schlimmsten Fall zwei Jahre zu viel Steuern bezahlt. Es aber erst mit der Abgabe der Steuererklärung nach zwei Jahren geltend machen. Des Weiteren ist es bedenklich diese Praxis ausschließlich für Arbeitnehmer einzuführen.

Die Vereinfachung des Steuerrechts ist ein Thema, das leider immer diskutiert wird und jedoch nie im vollen Umfang in Angriff genommmen wurde. Von allen Veränderungen, die in näherer Zukunft in Angriff genommen werden sollen, hat die Vereinfachung des Einkommensteuerrechts wohl die höchste Priorität. Dieser Schritt wäre für uns Bürger enorm wichtig. Auch kleine und mittlere Unternehmen müssen durch intelligente Reformen im Gewerbesteuer-, Körperschafts- oder Umsatzsteuergesetz entlastetet werden. Durch vereinfachende Reformen könnten immense Kosten gespart werden. Das ganze anstelle Arbeitsplätze abzubauen. Entsprechende Gegenfinanzierungen müssten natürlich geprüft werden. Eine Finanzierungsmöglichkeit wäre zum Beispiel eine bundesweite Maut. So würde mane nicht nur die deutschen  Bürger für den Bau und den Unterhalt des Straßennetzes, sondern auch den kompletten Transitverkehr in Regress nehmen.

Rumänien will eine Fast-Food-Steuer erheben – eine nicht ganz neue Idee

Januar 11, 2010 by

Immer mehr Menschen in Europa, USA sowie Canada leiden unter Fettleibigkeit, was oft Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck zur Folge hat. In den USA sind es zwei Drittel der Bevölkerung, die übergewichtig ist. Eine riesige Herausforderung für ein Gesundheitssystem der Zukunft.

Rumänien plant nun ungesundes Essen ab dem 01. März 2010 zu besteuern. Die Einnahmen aus der Sondersteuer sollen für öffentliche Gesundheitseinrichtungen- und programme eingesetzt werden. Der Vorstoß kam vom rumänischen Gesundheitsminister Attila Czeke. Eine Idee die nicht zum ersten Mal diskutiert wird.Der  US-Kongress disktutiert dies bereits seit Juni 2005.  Eingeführt wurde sie dort allerdings noch nicht. Vielleicht setzen sie Barack Obama und dessen gesundheitspolitischer Berater Tom Daschle im Rahmen der Gesundheitsreform durch. 

Ein ähnlicher Vorstoß eine Fast-Food Steuer einzuführen, kam Ende 2009 von der staatlichen Gesundheitsbehörde aus Taiwan.  In England sollte Fast-Food aus den Schulen verbannt werden. Doch was geschah? Die Eltern brachten den Kindern Pommes und Burger in die Schule oder reichten es durch den Schulzaun. Auch die deutsche Apothekenkammer fordert seit Jahren ähnliches. Sie fordert eine Steuererhöhung auf Lebensmittel, die krank machen und zu Übergewicht führen. Dadurch sollten Dinge, die gesund machen, wie zum Beispiel Obst, Gemüse und auch Arzneimittel steuerbegünstigt werden. Was bringt es uns, wenn wir für den Besuch von Zahnärzten, Rückenschulen und Fitneßstudios Prämien von der Krankenkasse bekommen, die Ernährung müssten wir ändern. Ein Ampelsystem für Lebensmittel wäre da ein Anfang. Denn auch die Zahlen in Deutschland sprechen eine beängstigende Sprache.

Europawahl 2009 – „Deine Entscheidung!“

Mai 28, 2009 by

Was wird gewählt?

 Im Zeitraum vom 4. Juni bis 7. Juni 2009 wählen 27 Mitliedsstaaten der Europäischen Union das nach dem Vertrag von Nizza aus 736 Abgeordneten bestehende Parlament. Das Europäische Parlament ist eine der wichtigsten Institutionen der EU und besteht aus gewählten Volksvertretern.

 

Wer wird gewählt?

 Gewählt werden 736 Abgeordnete die sich aus einem „Verteilungsschlüssel“ für die 26 Länder zusammen setzen. Für Deutschland werden 99 Abgeordnete gewählt. Generell werden  kleinere Staaten in der Anzahl Ihrer Abgeordneten überproportional berücksichtigt.

 Die Abgeordneten vertreten jeweils die Partei und deren Ausrichtung für die sie zu der Wahl angetreten sind. Die ca. 160 im Parlament vertretenen nationalen Parteien haben sich meist in übergeordneten europäischen Parteien zusammengeschlossen. So z.B. die europäische Volkspartei (EVP) die sich aus den christlich-demokratischen und den konservativ-bürgerlichen Parteien zusammensetzt (Mitglieder z.B. CSU, CDU, ÖVP). Diese bilden sieben Fraktionen (bis auf einige fraktionslose Abgeordnete), die sich nicht national, sondern weltanschaulich zusammenschließen. Die größte Fraktion seit 1999 sind die Konservativen in der sich auch die EVP befindet.

 

Welche Aufgabe haben die Abgeordneten?

 Das Parlament und somit die Abgeordneten haben drei Funktionen:

  1.  die Gesetzgebungsfunktion: diese Funktion teilt sich das europäische Parlament mit dem  europäischen Rat (grundlegend vergleichbar mit dem Bundestag und dem Bundesrat). Hierfür werden Anträge für europäische Gesetze (Entscheidungen, Verordnungen, Richtlinien) angenommen. Ein wesendlicher Unterschied zum Bundestag besteht im fehlenden Initiativrecht. Dem europäischen Parlament ist es nicht erlaubt eigene Gesetzesvorlagen einzubringen. Das Recht zur Einbringung von Gesetzen hat die Europäische Kommission.  
  2. die Budgetierungsfunktion: sowohl das Parlament als auch der europäische Rat bilden die Haushaltsbehörde die über die Budgetierung des EU –Haushaltes entscheidet. Die Europäische Kommission stellt einen Haushaltsentwurf vor, den Rat und Parlament im Haushaltsverfahren ändern können. Bei den Einnahmen hat der Rat das letzte Wort, bei den Ausgaben das Parlament. 
  3. Kontrollfunktion: hier übernimmt das Parlament die parlamentarische Kontrolle über die Europäische Kommission und den Rat der Union. Für diese Funktion kann das Parlament Untersuchungsausschüsse einrichten und den Europäischen Gerichtshof anrufen. Zu Ihrer Kontrolle müssen die EU-Institutionen wie Europäische Zentralbank, der Rat und die Kommission regelmäßig Berichte abgeben. Das Parlament kontrolliert in Fachausschüssen ebenso die Kompetenz von designierten Kommissaren.
  • Ein europapolitischer Parlamentarier darf nicht gleichzeitig im Landesparlament vertreten sein.
  • Jeder europäische Bürger kann beim Parlament eine Petition einreichen die vom Petitionsausschuss beraten wird.

 

Wie wird gewählt?

 Europaweit wurde das Wahlverfahren zum Europäischen Parlament im sogenannten Direktwahl-Akt harmonisiert. Die Ausgestaltung des konkreten Wahlrechtes obliegt jedem Mitgliedstaat. Somit gilt für die Wahl der deutschen Abgeordneten für das Europäische Parlament:

 Die Wahl der Abgeordneten erfolgt nach dem Grundsatz des Verhältniswahlrechts mit Listenvorschlägen. Jeder Wähler hat eine Stimme über die er einen Listenvorschlag (Partei oder politische Vereinigung) wählen kann. 

Folgende Voraussetzungen müssen für die Wahl gegeben sein:

  • allgemein: die Wahl darf nur aufgrund von Alter oder Entmündigung eingeschränkt sein!
  • unmittelbar: die wählbaren Personen bzw. Parteien dürfen nicht über Zwischenpersonen gewählt werden, nur direkt durch den Wahlberechtigten ( als Gegenbeispiel wäre die Präsidentenwahl in Amerika anzuführen mit Wahlmännern/-frauen)
  • frei: jeglicher direkter oder indirekter Druck oder Beeinflussung auf den Wähler ist unzulässig (z.B. Wahlplakate im Wahlbüro)
  • gleich: jeder Wahlberechtigte hat den gleichen Zählwert in seiner Wahlstimme
  • geheim: die Wahl muss von dem Wahlberechtigten allein und geheim getätigt werden. Ziel ist der Schutz des Wählers vor Einschüchterung und Manipulation.
  • Verhältniswahlrecht: die Anzahl der erreichten Mandate einer Liste oder Partei entspricht seinem prozentualen Stimmenanteil.

 

Wer darf wählen?

 Grundsätzlich dürfen alle Bürger die am Wahltag mind. 18 Jahre alt sind wählen. Mindestens seit drei Monaten muss man in Deutschland oder einem der 26 Länder in Europa wohnhaft sein. Sie dürfen nicht von dem Wahlrecht ausgeschlossen sein! Es gilt das alle deutschen Staatsbürger deren Hauptsitz in Deutschland liegt auch in Deutschland wählen können wenn sie die Kriterien erfüllen. Deutsche die Ihren Hauptwohnsitz in einem der anderen 26 EU-Staaten haben, können sich entscheiden ob sie Ihr Wahlrecht über Briefwahl für Deutschland wahrnehmen, oder sich im Wählerverzeichnis vor Ort des aktuellen Hauptwohnsitzes registrieren lassen.

Gleiches gilt für EU-Bürger aus den 26 übrigen Mitgliedsstaaten die in Deutschland Ihren Hauptwohnsitz haben.

 

Wie wähle ich?

 Für einen deutschen Staatsbürger mit Hauptwohnsitz in Deutschland, gibt es folgende Möglichkeiten:

 im Zeitraum vom 3. Mai bis 17. Mai wurden Wahlbenachrichtigungen verschickt. Diese Wahlbenachrichtigung bietet zwei Möglichkeiten:

  1.  Anhand der Wahlbenachrichtigung und nach Vorlage des Personalausweises/Reisepasses gibt man in seinem zugehörigen Wahlbüro am Sonntag 07. Juni 2009 zwischen 08.00 und 18:00 Uhr seine Stimme ab.
  2. Sollte man am Wahltag verhindert sein, beantragt man über die Wahlbenachrichtigung die Wahlunterlagen. Nach ausfüllen der Wahlunterlagen können diese kostenlos zurück geschickt werden.

 

Warum sollte ich wählen?

 Der Hauptgrund warum man zur Wahl gehen sollte ist wohl nach allgemeiner Auffassung der, dass jeder Bürger durch seine Stimme die Politik mitgestalten kann und je nach Gesinnung seiner Partei die Führung für die kommende Legislaturperiode überlassen kann. Nun sagen sich aber viele:„Das mache ich doch bei den Bundes- und Landtagswahlen schon.“ Was vielen jedoch nicht bewusst ist, ist dass mittlerweile ein Großteil der Gesetzte im Deutschen Recht auf Europäischen Verordnungen und Richtlinien beruht. Im Klartext heißt das, dass Deutschland einen Großteil seiner (Gesetzgebungs-)Kompetenzen an die übergeordnete europäische Ebene abgegeben hat und heutzutage die meisten Gesetze auf supranationaler (europäischer) Ebene erlassen werden. Deutschland muss dann diese Verordnungen/Richtlinien lediglich noch, wie alle übrigen Mitgliedstaaten, in nationales Recht umsetzen.

Wer sich also an der Politik innerhalb Deutschlands beteiligen möchte sollte auf jeden Fall auch bei der Europawahl seine Stimme einsetzen!

 

 (- Ansgar Lochthowe und Roman Deringer, JU Augsburg-Stadtmitte)

Ingo Friedrichs Traum von Europa

Mai 27, 2008 by

 

Als Kind wollte Dr. Ingo Friedrich, nach seinem Berufswunsch befragt, einst Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden. Als man ihm darauf sagte, dass das nicht ginge, da er nicht in den USA geboren worden sei, disponierte er kurzerhand um und wollte Präsident der Vereinigten Staaten von Europa werden. Das muss, wie man sich ausrechnen kann in den frühen 50er Jahren gewesen sein. Zwar gibt es bis heute weder die Vereinigten Staaten von Europa, noch das Amt eines Präsidenten, doch wichtige Schritte zu Verwirklichung des Kindheitstraumes sind realisiert worden und das ist auch teilweise ein Verdienst von Dr. Friedrich. So gehört er dem 1979 gegründeten Europaparlament von Beginn an und war lange Jahre auch dessen Vizepräsident. Noch bedeutender dürfte jedoch sein Beitrag in Bezug auf die identitätsstiftende gemeinsame EU-Flagge sein – die bekannten zwölf Sterne auf blauem Grund – die auf seine Initiative zurückgeht.

 

Das aus Träumen Schritt für Schritt auch Wirklichkeit werden kann, ist seine zentrale Botschaft, die er vor allem an die jungen Generationen weitergeben will. Gelegenheit dazu bot ihm der von der Jungen Union Augsburg Stadtmitte organisierte Themenabend im „Weißen Hasen“ im Herzen der Stadt, zu dessen näherer Besichtigung in im einleitenden Grußwort der Augsburger Bürgermeister Hermann Weber einlud. Thematisiert wurden die Chancen im Spannungsfeld zwischen Globalisierung und Europäischer Integration und jeder der trotz warmen Wetters zum Vortrag Dr. Friedrichs kam, erlebte einen munteren und glühenden Verfechter eines „European Way of Life“, der dafür warb, Europa als Macht mit Vertrauensvorschuss in aller Welt wahrzunehmen.

 

Die Europäische Integration sei für sich genommen im kleineren Rahmen ein Modell für die Globalisierung, so Friedrich und habe weltweite Attraktivität erlangt. Anders als von vielen befürchtet stärke Europa auch die Regionen und schwäche sie nicht. Beispiele dafür seien Wales, Südtirol oder das spanische Galizien, wohingegen Belgien fast daran zu zerbrechen drohe, dass das regionale Gewicht durch die EU stärker zum Tragen käme. Niemand, so Friedrich brauche sich deshalb große Sorgen darüber zu machen, dass die eigene Identität verloren gehen könnte, denn die regionalen und auch nationalen Eigenheiten blieben ebenso bestehen, wie die zwischen Europa und den USA bestehen blieben, trotzdem sich beide Seiten in den letzten Jahrzehnten sehr stark annäherten.

 

Zur Globalisierung gebe es nun aber keine Alternative, da sie nicht verschwindet, wenn man sie nicht mag – oder nicht versteht. Voraussetzung dafür sei natürlich auch, dass es weltweit verlässliche Regeln gibt. Diese stünden gerade in Bezug auf China auf dem Spiel, wo seit Konfuzius schon die vollkommene Nachbildung eines Werkes als besondere Kunstfertigkeit und keineswegs als verpönte Nachahmung gelte. Wie sollte man also den Chinesen dieses abgewöhnen? Dr. Friedrich ist freilich auch hier zuversichtlich und sieht die Chinesen heute dort, wo die inzwischen durch Amerikaner und Europäer „domestizierten“ Japaner vor mehr als dreißig Jahren waren.

 

Die Vergangenheit kommt nicht wieder und nur wer sich auf die Zukunft vorbereitet hat die besten Chancen. Die der Europäer bestünde in der Globalisierung weiterhin in der Bildung, um einen technologischen Vorsprung zu erzielen, zu halten oder auszubauen.

 

Dazu bietet die EU jungen Menschen Programme wie

 

„Sokrates“/ „Erasmus“ http://eu.daad.de/eu/sokrates/05353.html

oder „Leonardo“ http://eu.daad.de/eu/leonardo/05207.html 

 

Wichtig sei aber vor allem auch die Bereitschaft Sprachen zu erlernen, wobei der Mut zum Sprechen zunächst wichtiger sei, als eine perfekte Grammatik, für die sich letztlich auch der heimische Taxifahrer nicht interessiert.

 

 

Dr. Ingo Friedrich ist ein Europäer mit Leib und Seele und versteht es, die Faszination des europäischen Traums seinen Zuhörern in ihrer Sprache zu vermitteln. Man könnte dazu Theodor Herzl zitieren: „Wenn ihr wollt bleibt es kein Traum.“

Der Lissabonner Vertrag: Zwischen Demokratie und Handlungsfähigkeit

April 29, 2008 by

 

 

 

Herr Dr. Friedrich, eine lange Denkpause nach der sogenannten Verfassungskrise, verursacht durch die gescheiterten Ratifikationsreferenden in Frankreich und den Niederlanden, hat nun am 13. Dezember 2007 in Lissabon die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Länder zum Unterzeichnen des Reformvertrages geführt. Was empfinden Sie als einer der Promotoren dieses Werkes, sind Sie glücklich, erleichtert, zuversichtlich…?

 

Natürlich bin ich glücklich, dass wir diesen großen Schritt endlich hinter uns gebracht haben. Ich denke auch, dass eine jede Europäerin und ein jeder Europäer, die eine Vorstellung davon haben, wie schwierig es ist, in einer EU-27 gemeinsam Politik zu machen, wissen, wie bitter nötig diese Reformen sind. Aber noch ist das Projekt nicht über den Berg, noch muss es in allen Mitgliedstaaten ratifiziert werden. Sind wir einmal so weit, so bin ich mir sicher, dass neben dem Römischen Vertrag, als Beginn, dem Maastrichter Vertrag, mit dem Euro, der Lissabonner Vertrag als solider Basisgeber des Integrationsprozesses herausragen wird, der auch der erweiterten EU mehr Handlungsfähigkeit eingebracht hat. Daher bin ich zuversichtlich, dass wir diese Chance nicht verpassen und gemeinsam einen Fortschritt in Richtung mehr Europa wagen.

 

Bezüglich der Art und Weise, wie der Reformvertrag auf den Weg gebracht worden ist, wird vielerorts auch Kritik laut, denkt man nur an die Demonstrationen in Brüssel mit Forderungen nach einem Mitspracherecht der Bevölkerung, die den Lissabonner EU-Gipfel begleiteten. Angenommen, dass in den meisten Mitgliedstaaten keine Referenden mehr stattfinden: Müssen Politiker den Vorwurf fürchten, dass sie über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden haben?

 

Ein Stückweit ja. Das Problem ist allerdings, dass leider bei vielen Referenden die Bürger nicht die Frage des Referendums beantworten, sondern den Fragesteller selber beurteilen, sprich: die jeweilige Regierung. Referenden sind eben keine Garantie für eine richtige Politik. Und Politiker haben durch ihre Wahl auch eine Verantwortung, so dass auf nationaler Ebene jeweils entschieden werden muss, ob der Vertrag durch einen Volksentscheid oder aber durch einen Parlamentsbeschluss akzeptiert werden sollte. Und diese Entscheidung muss jede Regierung selber treffen. In Irland z.B. ist ein Referendum vorgeschrieben, aber in Dänemark, in England können die Regierungen so oder so entscheiden. Etwas anderes wäre, wenn man in ganz Europa ein Referendum machen könnte, was ich persönlich begrüßen würde. Dafür ist die Zeit aber noch nicht reif. Dafür gibt es noch keine Verfassung und dafür gibt es noch keine Strukturen. Und weil das nicht geht, muss jeder Mitgliedstaat für sich über den Ratifikationsweg bestimmen.

 

Laut der post-referendalen Eurobarometer-Umfrage in Frankreich haben über 30 Prozent der französischen Wähler, die 2005 den Verfassungsvertrag abgelehnt haben, als Motiv ihres Neins eine vermeintlich allzu liberale und zu wenig soziale Ausrichtung des Entwurfs angegeben. Halten Sie es nicht für problematisch, dass aus diesen Vorwürfen keinerlei Konsequenzen gezogen worden sind? Der Reformvertrag enthält in dieser Hinsicht bekannterweise keine Änderung. Oder war diese Kritik ohnehin nicht ernst zu nehmen?

 

Natürlich ist diese Kritik ernst zu nehmen, gleichzeitig ist sie aber, in gesamteuropäischer Sicht, widersprüchlich. So ist es z.B. in England gerade umgekehrt – dort gilt die Europäische Union als zu sozial. Dieser Reformvertrag muss eben ein Kompromiss sein zwischen den englischen und den kontinentalen Vorstellungen, zwischen Frankreich und Deutschland. Und dieser Text, der vorliegt, war der einzige, der kompromissfähig war. Und da kann der eine sagen, er ist zu sozial, der andere kann wiederum sagen, er ist zu liberal. Aus meiner Sicht ist es ein ausgewogener Text – zwischen sozialer Dimension und effizienter Wirtschaftsform.

 

Reicht es aus, das EU-Parlament aufzuwerten, um die notwendige demokratische Legitimation in der Europapolitik zu gewährleisten?

 

In Politikerreden wird der Reformvertrag oft als ein „Meilenstein auf dem Weg zu mehr Demokratie und Bürgernähe in Europa“ bezeichnet. Inwiefern wird durch die Erweiterung der Kompetenzen des Europäischen Parlamentes die demokratische Kontrolle im Entscheidungsprozess auf EU-Ebene tatsächlich ausgebaut? Hier denke ich z. B. an die selbst in den parlamentarischen Kreisen oft bemängelte Intransparenz bei den Konsultationsprozessen und später bei der Umsetzung.

 

Diese Bedenken sind teilweise schon berechtigt. Wir sind jedoch noch nicht am Ende dieses Weges angelangt. Wenn man vergleicht, welche Kontrollmöglichkeiten das Parlament vor 30, 20 oder noch vor 10 Jahren hatte, hat sich seine Aufstellung als demokratische Kontrollinstanz ständig verbessert. Wir haben noch nie so viele Kontrollmechanismen und Mitentscheidung gehabt wie jetzt, durch den Vertrag von Lissabon – auch wenn ich mir vorstellen kann, dass sie noch stärker gemacht werden könnten. Ein weiterer wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Möglichkeit der Einwirkung auf die Gestalt der Gesetzgebung durch die nationalen Parlamente, die bereits im Reformvertrag weitgehend gesichert worden ist.

 

Auf Letzteres bezieht sich auch meine nächste Frage: Inwiefern kann das verstärkte Mitspracherecht der nationalen Parlamente bei der europäischen Gesetzgebung tatsächlich zur Herausbildung eines sogenannten „Subsidiaritätsfrühwarnsystems“ beitragen?

 

Wenn aus dem Bundestag ein Minister zur Ratssitzung nach Brüssel entsandt wird und der Europaausschuss ihm vorher eine Marschroute auf den Weg mitgibt, dann ist er bei der Abstimmung im Rat weniger an sein eigenes Urteil und mehr an das des Bundestags gebunden. Dadurch wird den nationalen parlamentarischen Gremien die Möglichkeit gegeben, im Falle unerwünschter europäischer Gesetzesentwürfe, rechtzeitig Einspruch zu erheben. Wenn ein Drittel der Parlamente den Gesetzesvorschlag ablehnt, muss er von den EU-Institutionen neu überdacht werden. Das bedarf natürlich einer Abstimmung unter den Mitgliedstaaten. Neun Gegenstimmen reichen jedoch dafür, einen Gesetzgebungsprozess aufzuhalten. Natürlich gibt es dabei aber auch die andere Seite der Medaille: Je mehr Konsultationen und mehr Diskussionen praktiziert werden, desto mehr besteht die Gefahr, dass Rechtsakte verspätet zustande kommen. Die Konsensfindung wird zeitaufwendiger, die Entscheidungen werden gegebenenfalls auch zu Lasten der Effizienz ausfallen. Das ist aber unvermeidlich, das sind die Kosten der Demokratie.

 

Wie kann die institutionelle Aufwertung der Parlamente – sowohl der nationalen als auch des EP – dafür genutzt werden, eine stärkere Rückkopplung an den Bürgerwillen zu erreichen und welche Maßnahmen sind notwendig, um die Bürger in die Politikprozesse auf EU-Ebene stärker einzubeziehen?

 

Was den Einfluss auf die Gesetzgebung im allerersten Entwurfsstadium anlangt, so sind sicherlich die öffentlichen Konsultationen im Internet eine gute, wenn auch leider von den Bürgern viel zu wenig genutzte Möglichkeit. Das wäre verbesserungswürdig. Es wäre natürlich auch wünschenswert, dass die Medien etwas ausführlicher über aktuelle europäische Entscheidungsabläufe informieren, und zwar nicht nur in Bezug auf Ergebnisse, sondern auch in den Vorstufen. Damit meine ich die Debatten in parlamentarischen Ausschüssen, die öffentlich sind, wovon die Medien jedoch nur zu selten Gebrauch machen. Wir werden daher vom Europäischen Parlament aus in der nächsten Zukunft ein Web-TV, einen eigenen Parlamentssender im Internet, starten. Dieser sollte den Leuten, die an der Europapolitik besonders interessiert sind, einen besseren Zugang zu Detailinformationen ermöglichen.

 

Und wie verhält es sich mit der direkten Kommunikation, dem Kontakt zwischen den Abgeordneten und den Bürgern – Politikvermittlung, Diskussion, Dialog?

 

Da sind wir als Parlamentarier, vor allem in unseren Wahlkreisen, natürlich in der Pflicht. Aber auch die Bürger sind in der Pflicht, den Kontakt zu uns zu suchen. Es herrscht oft die falsche Vorstellung, dass Politiker nicht wissen, was die Menschen denken. Die „Elitenlastigkeit“ der EU-Politik und ihre „Bürgerferne“ sind zu geflügelten Worten geworden. Ich selbst treffe dagegen jeden Tag normale, einfache Leute, mit denen ich über alle möglichen Themen diskutiere und die mir über ihre alltäglichen Probleme erzählen. Es ist gewiss nicht einfach, allen Anfragen und Terminen nachzukommen – doch wir tun unser Bestes. Europa ist nicht nur in Brüssel, es ist auch vor Ort, in den regionalen und lokalen Bereichen. Daher muss man mit der Kommunikation ganz unten anfangen. Ich bin überzeugt, dass wir auf einem guten Wege sind.

 

Herr Dr. Friedrich, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch!

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Fragen an den Quästor und Präsidiumsmitglied des Europäischen Parlamentes Dr. Ingo Friedrich, MdEP, stellte Agata Szyszko.

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Fussball ist unser Leben

April 29, 2008 by

 

 

Wenn man über Globalisierung spricht, denken viele zuerst an McDonalds, Coca-Cola, an Hollywood oder Rockmusik, doch kein anderer Lebensbereich ist globalisierter als der Fußball. Der einst lokal geprägte Sport hat sich zu einem multinationalen, kontinentale Grenzen überbrückenden Geschäft entwickelt. Spitzenpartien europäischer Ligen werden weltweit live im Fernsehen gesehen. Vereine wie der FC Bayern München bieten die Inhalte ihrer deutschen Webseite neben dem schon obligatorischen Englisch auch auf Spanisch, Japanisch und sogar Chinesisch an. Während in allen Teams international agierende Mäzene einen bunten Mix aus Südamerikanern, Afrikanern und unterschiedlichsten Europäern zusammenkaufen, erreichen die Transfersummen und Spielergehälter astronomische, stammen vier von fünf Fußbällen, die in deutschen Geschäften verkauft werden aus Pakistan. Wie die begehrten, inzwischen jährlich neu gestalten Spielertrikots werden sie von renommierten Sportartikelherstellern wie Puma oder Adidas nicht selten in Kinderarbeit produziert. Andererseits färben sich abertausende Koreaner oder Japaner, die die „Marke Beckham“ lieben ihre Haare blond, um wie ihr Star auszusehen. Zugleich wird der Fußball von Politikern und Konzernen vereinnahmt, die ihr eigenes Image mit persönlicher Stadionpräsenz, Vereinsmitgliedschaften oder Sponsorentum volkstümlich aufwerten. Aus der TV-Perspektive sieht es so aus, als wären nationale Grenzen und Identitäten aufgehoben und in einer multinationalen, globalisierten Fußball-Welt aufgegangen. Doch der helle Schein der Inszenierung trügt. Fußball ist zwar ein weltumspannendes, zugleich aber durchaus ambivalentes und widersprüchliches Phänomen. Anderswo befürchtete Parallelgesellschaften sind zur gelebten Tagesordnung geworden. Fußball ist insbesondere in Europa längst nicht nur zum Wirtschaftsfaktor mit Milliardenumsätzen gediehen, sondern zum identitätsstiftenden Faktor einer breiten Masse angeschwollen, die sich an der stets wachsenden Anzahl von Live-Übertragungen im Bezahlfernsehen nicht mehr satt sehen kann. Zeitgleich ist der Sport zum Emblem radikaler Fußballfans aus gesellschaftlichen Randgruppen geworden, die ihre Frustrationen und ihre Wut auf den neuen Schlachtfeldern einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft mit brutaler Gewalt und offenem Rassismus abreagieren.

 

Als Deutschland 1954 in der Schweiz gegen die favorisierten Ungarn nur neun Jahre nach Kriegsende (1950 war den Deutschen noch die Teilnahme untersagt worden) den Titel des Fußball-Weltmeisters gewann, hieß es allgemein „Wir sind wieder wer“ und spätere Chronisten sehen in dem als „Wunder von Bern“ stilisierten sportlichen Erfolg die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik. Neun Jahre nach der Kapitulation den die überwiegende Mehrheit eher als Zusammenbruch denn als Befreiung erlebte, wagten Deutsche wieder einen gemeinschaftlichen Blick auf sich selbst und sie fanden, dass sie sich „als Weltmeister“ neben den anderen Nationen gut sehen lassen konnten. Die Fußballerspieler wurden in einem nationalen Taumel „als Helden gefeiert wie zehn und fünfzehn Jahre zuvor die Jagdfliegerasse und die erfolgreichen U-­Boot-­Kommandanten“, resümiert der Historiker Hans-­Peter Schwarz in seinem Buch über „Die Ära Adenauer“. Dass ältere deutsche Spieler wie Fritz Walter, Max Morlock oder Toni Turek schon während der Nazizeit zu den Sportheroen gehörten und Herberger für die Nationalmannschaft schon seit 1937 als Reichstrainer verantwortlich war­, interessierte die Gesellschaft nicht mehr. Als im Siegesglück noch „Deutschland, Deutschland über alles“ angestimmt wurde, beanstande das kaum jemand. Augenfälliger war auch der Umstand, dass zum Berner Finale kein einziger deutscher Bundesminister angereist war. Adenauer und Heuß, aufgewachsen in einer Zeit, da das Spiel noch als „englische Fußlümmelei“ und „undeutsch“ galt, hätten eine Einladung auch als Unverschämtheit empfunden.

 

Die propagandistische Ausbeutung des Sports durch die Nazis (diese hatten als nationale Arbeiterbewegung vor allem den „Arbeiterverein“ Schalke 04 für ihre Zwecke instrumentalisiert, der in den zehn Spielzeiten der Naziherrschaft neun mal im Finale der Meisterschaft stand und dabei sechs Titel errang, während der „Judenklub“ FC Bayern München, Deutscher Meister des Jahres 1932, nicht nur sportlich ins Abseits geriet) spielte dabei sicher noch eine gewisse Rolle, doch mit dem Titelgewinn in Bern sollte sich sodann auch die Haltung nachkriegsdeutscher Politiker zum Sport im Allgemeinen und zum Fußball im Besondern ändern. Heute sind im Deutschen Fußball-Bund (DFB) über sechs Millionen Mitglieder in rund 170.000 Mannschaften organisiert (alle politischen Parteien in Deutschland wären froh wenn sie zusammen ein Drittel dieser Mitgliedszahl erreichten), darunter mit steil steigender Tendenz, fast eine Million Frauen und Mädchen. Selbstverständlich zeigt sich, nebst anderer, auch die politische Prominenz mittlerweile zu gern in Stadien und längst nicht nur bei Endspielen. Man sagt, Fußball spiegle den Charakter eines Volkes wieder und Deutsche rühmen sich dabei als diszipliniert, kampfstark und unbeugsam. Kommentatoren bewundern oder reklamieren je nachdem die „klassischen deutschen Tugenden“, die offensichtlich an die Stelle früherer preußischer Tugenden getreten sein mussten. Fußball als gesellschaftliches Vorbild.

 

Im vergangenen Jahr feierte „Fußball-Deutschland“ als erneuter Gastgeber des Turniers zwar anders als 1974 keinen weiteren Titelgewinn, so aber doch unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ sich selbst als „weltoffenen“ Gastgeber. Den oft und auch im Ausland überwiegend wohlwollend zitierten Slogan hatte sich der jüdisch-österreichische Aktionskünstler André Heller ausgedacht. Franz Beckenbauer, Präsident des Organisationskomitees meinte, die WM bieteDeutschland die Riesenchance, sich der Welt als herzlicher Gastgeber zu präsentieren.“ Damit stand er keineswegs alleine. Immer wieder wurde dafür geworben, Deutschland und die Deutschen der restlichen Welt „anders“, sprich aufnahmebereit, kontaktfreudig, gesellig, ja „weltoffen“ darzustellen. Bundeskanzlerin Merkel pries Deutschland als „fußballbegeistertes und weltoffenes Land” zugleich an, so als ob Fußballbegeisterung und Weltoffenheit synonyme, ja austauschbare Begriffe wären. Doch abseits der medialen Kampagnen ist die Lebenswirklichkeit von Spielern wie Fans oft eine ganz andere.

 

 

Es mutet etwas schizophren an: Während Profiklubs wie ZSKA Moskau (UEFA-Pokal-Sieger 2005), 1923 als Sportklub der Roten Armee gegründet und mittlerweile wie Chesea London vom russischen Oligarchen Abramowitsch finanziell gefördert, inzwischen längst auch dunkelhäutige Spitzenstars aus Brasilien spielen, grassiert im Umfeld der der Stadien der Rassismus. Immer wieder thematisiert Amnesty International rassistische Gewalt in Russland, wo allein im ersten Halbjahr 2006 bei rund 100 Übergriffen 18 Personen getötet und 160 bisweilen lebensgefährlich verletzt wurden. Opfer haben es dabei selbst bei ganz eindeutigen Sachverhalten in der Regel schwer, vor ordentlichen russischen Geschworenengerichten Recht zu finden. Immer wieder kam und kommt es zu Freisprüchen der Täter, während dunkelhäutige Opfer der Gewaltverbrechen als „Unruhestifter“ mit der Abschiebung rechnen müssen. Der bizarre Mix aus der Bejubelung schwarzer Sporthelden auf der einen und rassistischer Gewalttaten auf der Straße ist aber beileibe keine russische Eigenart. Auch in westlicher orientierten Staaten wie der Ukraine, in dessen erster Liga allein 18 Nigerianer spielen, oder Polen (das gemeinsam mit der Ukraine 2012 Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft sein wird) haben Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Unter polnischen Hooligans, denen seitens der UEFA ein ausgeprägtes Gewaltpotential attestiert wird, ist derlei Gedankengut weit verbreitet. In Stadien sind antisemitische Slogans „Juden ins Gas!“ zu hören und man sieht Transparente mit deutschen Aufschriften wie „Arbeit macht frei“. Roman Giertych, seit Mai 2006 stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Volksbildung Polens, gründete bereits 1989 im Alter von 18 Jahren die rechtsextreme „Allpolnische Jugend“ (Młodzież Wszechpolska), heute eine Art Neonazi-Kameradschaft, die ihre Mitglieder vor allem aus der Szene gewalttätiger Fußball-Fans rekrutiert. Das Hooligan-Problem existiert in Polen seit Mitte der 1990er Jahre. Immer wieder kam es dabei zu blutigen Schlachten mit zahllosen Verletzten, allein bei Fehden zwischen den Krakauer Hooligans gab es in den letzten Jahren bereits fünf Tote. Zu lange hat die Öffentlichkeit in Polen das Hooliganproblem verharmlost, was bei einer gewissen Nähe mancher Politiker nicht zu sehr verwundern muss. Neuerdings aber reagiert der Staat mit Strenge. Besucher von Spielen werden gefilmt, Namen und Ausweise kontrolliert, straffällige Hooligans sollen vor Schnellgerichten gestellt und Stadionverbote ausgesprochen werden. Das sind begrüßenswerte Ansätze, die aber offenbar nicht zu viel bewirken. Gerade erst wurde Legia Warschau nach Ausschreitungen seiner Anhänger von der UEFA auf zwei Jahre für europäische Wettbewerbe gesperrt. Schwer wiegt eine kaum zu kaschierende ideologische Nähe zwischen verantwortlichen Politkern und Fußball-Schlägern. Wozu dies im Extremfall führen kann, zeigten in beispielloser Weise die Balkankriege. Željko Ražnatović, besser bekannt als „Arkan“ war im jugoslawischen Bürgerkrieg zu Beginn der 1990er Jahre Anführer der paramilitärischen Organisation „Tigrovi“, der der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag eine aktive Beteiligung an Völkermord und ethnischen Säuberungen in Bosnien und im Kosovo vorwarf. Zugleich war er, selbst bewährter und erfahrener Belgrader Hooligan, auch Präsident des Fußballklubs FK Obilic, dem er mittels Gewalt und Einschüchterung gegnerischer Spieler und Schiedsrichter 1998 zur jugoslawischen Meisterschaft verhalf. Seine Fußballkontakte waren entscheidend für den Bürgerkrieg in Jugoslawien, da die bisherige Armee des Vielvölkerstaats zum Zeitpunkt ihres Auseinanderbrechens wegen ihrer Völkermischung kaum in der Lage war, die Schmutzarbeit des Krieges für Milosevic’ Zentralregierung umzusetzen. Arkans Tiger jedoch, als Fußball-Schläger mit alltäglicher Gewalt bestens vertraut und ohne Skrupel leisteten als Kämpfer an vorderster Front zuverlässige Dienste beim Überfall auf Häuser und Zivilisten. Schläger wie die Fan-Gruppe von Partizan Belgrad „Grobari“ („Totengräber“) schienen dabei ihrem Namen traurige Referenz zu erweisen zu erweisen.

 

Es scheint, als ob sich die durch den Fußball produzierten Emotionen längst nicht immer unter Kontrolle halten lassen. Auch im Land des Weltmeisters von 2006 ist die Diskussion um Fußball und Gewalt neu entbrannt, nachdem bei heftigen Fußball-Krawallen Anfang Februar 2007 auf Sizilien ein 38-jähriger Polizist ums Leben kam und mehr als 70 Menschen verletzt wurden. Erst die zeitweilige Einstellung des Spielbetriebs und drakonische Sicherheitsmaßnahmen und Umbauarbeiten in den Stadien haben die explosive Lage wieder beruhigt. Der eruptive Gewaltausbruch kam aber keineswegs zufällig zustande, sind Gewalt und Rassismus auch im italienischen Fußball alltäglich. Das traurigste Beispiel für eine offen rechte Gesinnung ist wahrscheinlich der frühere Stürmer-Star vom Römer Klub Lazio Paolo Di Canio, der 2005 im Derby gegen den verabscheuten Stadtrivalen AS Rom mit hasserfülltem Gesichtsausdruck mit dem Hitlergruß das Publikum grüßte. Der italienische Fußballverband verurteilte Di Canio zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro. Anhänger der offen rechtsextremen Fangruppe „Irriducibili” (“die Unbeugsamen”) demonstrierten sodann mit rund 500 Anhängern vor dem Sitz des nationalen Fußballverbandes, wobei es zu Tumulten, Verletzten und zahlreichen Verhaftungen kam. In den Spielen danach waren von Seiten der Lazio-Fans immer wieder Sprechchöre für den Stürmer zu hören, wobei hunderte von ihnen – wie ihr Vorbild – den rechten Arm ausstreckten. Auch rechtsradikale Symbole wie das Hakenkreuz tauchen im Fanblock von Lazio immer wieder auf und der Rivale AS Rom wird mit Spruchbändern adressiert, auf denen zu lesen steht: „Auschwitz ist eure Heimat, die Öfen sind eure Häuser„.

 

Schwarze Spieler, wie der französische Welt- und Europameister Patrick Vierra von Juventus Turin werden von gegnerischen Fans ausgepfiffen und mit Affenlauten verhöhnt, so bald sie den Ball berühren. Der aus der Elfenbeinküste stammende Marc Zoro vom Erstligisten Messina, von Inter-Fans als „dreckiger Neger“ beschimpft konnte erst nach minutenlangen Zureden von seinen Mailänder Gegenspielern zum Weiterspielen überredet werden, womit eine weitere Eskalation und ein möglicher Spielabbruch verhindert wurde. Fans von Inter hatten beim Mailänder Derby gegen den AC Milan, dem Club des ehemaligen italienischen Premierminister Silvio Berlusconi, im April 2005 den farbigen brasilianischen Torwart Dida mit einem Feuerwerkskörper getroffen und verletzt.

 

Im Oktober 2004 sorgte der spanische Nationaltrainer, der frühere Fußballprofi Luis Aragonés für einen Skandal. Ein heimisches Fernsehteam filmte vor einem Länderspiel gegen Frankreich auf dem Trainingsgelände zufällig mit, wie er seinen Spieler Reyes gegen dessen Londoner Mannschaftskollegen Thierry Henry mit obszönen rassistischen Bemerkungen scharf machen wollte. Der spanische Fußballverband leitete eine Untersuchung ein und belegte Aragonés mit einer eher symbolischen Geldbuße in Höhe von 3.000 Euro, limitierte zugleich aber auch die Bewegungsfreiheit der Presse und Fernsehteams auf dem Trainingsgelände. Offenkundig das falsche Signal. Im Folgemonat wurde beim Freundschaftsspiel zwischen Spanien und England jede Ballberührung eines der dunkelhäutigen englischen Kickers von den Rängen mit Affengebrüll und Schmähgesängen verhöhnt. Dieses Mal entschuldigte sich der spanische Fußballverband RFEF in einem offiziellen Schreiben ausdrücklich bei den englischen Nationalspielern. Da die Wellen der Empörung hoch schlugen und in England Boykottaufrufe gegen spanische Urlaubsorte laut wurden, sah sich sogar der spanische Außenminister Miguel Moratinos veranlasst, seinem britischen Amtskollegen Jack Straw, „im Namen der spanischen Regierung“ um Verzeihung zu bitten und betonte dabei, dass Spanien ein „weltoffenes und tolerantes Land“ sei, in dem Rassismus nichts zu suchen habe. „Rassismus bleibt weiterhin das größte Problem im europäischen Fußball“, ließ der europäische Fußballverband UEFA nach dem Skandalspiel im in Madrid verlautbaren.

 

Das Phänomen des Fußball-Rowdytums ist jedoch britischen Ursprungs, wie der moderne Fußballsport selbst. Fans von Vereinen wie dem FC Chelsea aus London waren in dieser Entwicklung stilbildend und prägten die Welt der Fußballschläger. Es entstanden Fan-Gruppen die sich „Chelsea Headhunters“ nannten und engste Verbindungen zu Organisationen wie „Combat 18“ (die 18 steht dabei für den 1. und 8. Buchstaben des Alphabets, also für AH = Adolf Hitler) unterhielten, jener berüchtigten Schlägertruppe die als „Sicherheitsdienst“ bei Veranstaltungen der rassistischen British National Party (BNP) fungierte und bei zahlreichen Überfällen, Anschlägen und mit dem Versenden von Briefbomben an farbige Sportler mindestens sechs Menschen tötete und in diversen Stadtteilen Rassenunruhen anzettelte. Traurigste Berühmtheit erlangten britische Schläger im Mai 1985 beim Europapokal-Endspiel im Brüsseler Heysel-Stadion, bei dem vor laufenden Kameras 39 Menschen tot getrampelt wurden. Die Folgen waren weit reichend. Alle englischen Vereine wurden danach für fünf Jahre gänzlich von internationalen Pokalwettbewerben ausgeschlossen. Doch schon 1989 sorgte ein englisches Pokalspiel zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest für eine noch größere Katastrophe. Zu viele Fans wurden innerhalb des Stadions in den Liverpool-Block hinein gelassen. Die Fahrlässigkeit der Polizei führte dazu, dass tausende Liverpool-Fans gegen den Zaun gedrückt wurden. 96 Tote und 730 Verletzte waren zu beklagen. Bloße vier Jahre nach Heysel führte die neuerliche Tragödie dazu, dass es in englischen Stadien mittlerweile nur noch Sitzplätze und keine Zäune mehr gibt. Auch sind britische Konzepte gegen Rassismus und Antisemitismus in Stadien sehr viel effizienter als anderswo in Europa. Es hat sich eine „Kultur der null Toleranz etabliert, die dem konsequent und aggressiv entgegentritt“, so Lucy Falkner von der englischen „Football Association“ (FA). Mit bis zu 3 Jahren Haft muss ein Randalierer in England rechnen, wenn er sich diskriminierend verhält oder äußert. Auch im Ausland begangene Straftaten werden entsprechend geahndet. Vereinen, die nicht entschieden genug gegen Rassismus in ihren Stadien vorgehen, drohen Punktabzug, Platzsperren oder sogar ein Zwangsabstieg. Im Zuge von New Economy hat sich die Szenerie freilich auch gerade im Ursprungsland der Hooligans enorm verändert. Die dickste Kröte hatten rechtsgerichtete Chelasea-Fans zu schlucken, als der russische Milliardär Roman Abramowitsch den Verein im Jahr 2003 kaufte und seitdem mehr als sechshundert Millionen Euro in neue, meist ausländische Spitzenspieler investierte. Die stark von Antisemitismus geprägte Konkurrenz der Londoner Chelsea-Fans zu ihren lokalen Widersachern bekam eine eigentümliche Note, waren ihnen doch die „Yids“ von Tottenham und Erzrivale Arsenal London (dessen Hauptaktionär der reiche Diamantenhändler Danny Fiszman ist) verhasst. Nunmehr hatten sie selbst einen jüdischen Besitzer, der fleißig „Afrikaner“ wie Essien oder Drogba kaufte und jüngst sogar noch Israelis wie Ben Sahar und Tal Ben Haim verpflichtete (Anm.: inzwischen ist mit Avram Grant ein Israeli auch Cheftrainer des Klubs). Das ist offensichtlich zu unverdaulich, zumal sich „Chelski“ unter der Ägide des „Öl-Zaren“ mittlerweile zum internationalen Nobelklub und Treffpunkt der Schickeria entwickelte. Es ist kein Platz mehr für Hooligans, wo nun die feine High Society mit Martinigläsern in VIP-Loungen gastiert. Die meisten Hooligans wandern in unterklassige Ligen ab, wo es noch den „echten“, nicht kommerzialisierten Sport gibt – was Schlägereien freilich mit einschließt.

 

Parallele Entwicklungen sieht man in Deutschland, wo deutsche Nationalspieler wie der in Ghana geborene Gerald Asamoah, Vize-Weltmeister von 2002, ausreichend einschlägige Erfahrungen sammeln konnten, obwohl es in der Bundesliga nur selten zu Randale oder rassistischen und antisemitischen Entgleisungen kommt. Ironischerweise ist der blonde, mehrfache Welttorhüter Oliver Kahn regelmäßiges Opfer entsprechender rassistischer Schmähgesänge, die ihn mit zugeworfenen Bananen als „hässlichen Affen“ verhöhnen, was möglicherweise auch mit seiner angeblichen, in bestimmten Fankreisen vermuteten, wohl gar nicht vorhandenen „jüdischen Abstammung“ zu tun hat. Ansonsten werden Rassismus und Gewalt wie in England verstärkt in die unteren Ligen verdrängt, wo die Mittel für Vorbeugung und Sanktionen fehlen. Fanbetreuer, Videoüberwachung, Stadionverbote? Fehlanzeige. Die viel zitierte „Weltoffenheit“ verliert sich in der Provinz. Im Dezember 2005 beispielsweise entfalteten einige Cottbusser Fans ein Transparent auf dem das Wort „Jude“ zu lesen war. Das D in Juden wurde ersetzt durch den geschwungen geschriebenen Großbuchstaben, Emblem von Dynamo Dresden, flankiert von zwei Davidsternen mit den Buchstaben DD. Kein Einzelfall. Selbst in Regionalligaspielen ist Antisemitismus präsent. Der Chemnitzer FC ist zu Gast beim FC St. Pauli. Bereits vor dem Spiel skandieren die mitgereisten Chemnitzer Fans Gesänge wie „Eine U-Bahn, eine U-Bahn bauen wir – von St. Pauli bis nach Auschwitz“. Das Spiel selbst muss mehrere Minuten wegen Rauchbomben und Ausschreitungen unterbrochen werden.

 

Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte das Oberligagastspiel von Sachsen Leipzig in Halle. Immer wenn der Leipziger Spieler Ade Ogungburean an den Ball kam imitierten die Fans Affenlaute. An sich bereits ein kaum mehr erwähnenswerter Vorfall, wenn der beleidigte Spieler sich nicht seinerseits mit einem Hitlergruß an die grölenden Zuschauer gewandt hätte. Der Mob stürmte daraufhin von der Tribüne und wollte Vergeltung üben. Es kam zu Handgreiflichkeiten, bei denen Ogungburean auch persönlich von Fans geschlagen und verletzt wurde. Die Partie musste abgebrochen werden. Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten zunächst nicht gegen die Angreifer, sondern gegen den Spieler, doch das Verfahren wurde schließlich eingestellt. Sehr zum Unmut der gegnerischen Fußball-Fans, die nunmehr sogar noch eine Bevorzugung des Afrikaners monierten: „Wir kriegen auch ein bis anderthalb Jahre aufgebrummt, wenn wir einen Hitlergruß machen.“ Wo einige Schlachtenbummler meinten, man müsse „den Nigger erschießen“, zeigten andere durchaus – globalisierungskritisch – gesehen ein gewisses exemplarisches Verständnis für dessen Situation: „Die Feinde sind nicht die Nigger, die Feinde sind die, die es ermöglichen, dass die überhaupt hier spielen können.“   

 

Tatsächlich gibt es im Fußball ausgeprägte Migrationsbewegungen vom armen Süden in den reichen Norden, analog zu den realen Flüchtlingsströmen etwa von Afrika nach Europa. Jahr für Jahr kommen tausende Menschen bei dem Versuch ums Leben, mit Schlauchbooten oder in völlig überladenen billigen Kuttern nach Europa zu gelangen ums Leben. Die spanische Guardia Civil schätzt, dass es an manchen Tagen bis zu 700 Menschen illegal versuchen das Meer zu überwinden. Experten gehen davon aus, dass mindestens die Hälfte der Illegalen, die niemand registriert und von keiner Statistik erfasst werden, im Meer ertrinkt. Weltklassespieler wie Michael Essien hingegen brauchen nicht ihr Leben zu riskieren, um nach Europa zu kommen. Der Ghanaer, zweifacher Fußballer des Jahres in Frankreich wurde für 38 Millionen Euro von Lyon nach Chelsea geholt. Barcelona zahlte für den Kameruner Samuel Eto’o 27 Millionen Euro. Rund 5.000 „ballverliebte“ brasilianische Kicker spielen in Europa und längst nicht nur bei großen Spitzenklubs. Man findet sie in zweitklassigen rumänischen Mannschaften ebenso, wie in fußballerisch noch unbedeutenderen Ländern wie Albanien oder auf den Färöer-Inseln. Überall ist es besser als in den heruntergekommenen Slums von Sao Paolo oder Rio. Und wo sie erst einmal den Sprung ins Eldorado Europa geschafft haben, bekommen ihre Träume Flügel, denn die meisten Träumenden schaffen es nicht mal nach Albanien.

Doch Vorurteile und Rassismus zerstören nicht nur das Spiel, sondern auch so manchen Traum ums „runde Leder“, das pakistanischen Kinderhände für wenige Cents schon längst aus Kunststoffteilen zusammennähen, ehe sie in Europas Sportgeschäften mit Adidas-Logo und dem offiziellen Segen des Fußball-Weltverbandes FIFA, zugelassen und geprüft für 150 Euro verkauft werden.

 

Europas Fußball bleibt weiterhin das erfolgreichste und vielleicht folgenreichste Produkt jenes weltumspannenden Phänomens namens Globalisierung, das zeitgleich als Vehikel für brutalsten Rassismus und multikulturelle Völkerverständigung, für horrende Milliardengewinne und uneingeschränkte Ausbeutung, für exklusive Massenunterhaltung und soziale Verarmung auftritt. „König Fußball“ ist omnipräsent und wird in vollen Arenen inbrünstiger zelebriert als jede Religion. Als integraler Bestandteil der eigenen, der lokalen wie auch der nationalen Identität behaupten die jungen, athletischen Protagonisten stellvertretend eigene Wünsche und Träume in einer ansonsten fremden und unverständlichen Welt. Selbst entschiedene Globalisierungskritiker stellen den Fußball nicht in Frage, zu selbstverständlich nutzen auch sie die ihnen willkommenen Identifikationsmuster, sei es der Lokalpatriotismus oder die Freude an einer weltumspannenden Gemeinsamkeit. Trotzdem einige der größten Namen des Weltfußballs wie Pele, Beckenbauer, Matthäus oder neuerdings auch Beckham als Spieler und Werbeträger in den USA aktiv waren, stießen die Kicker im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ an Grenzen und konnte trotz mehrer Anläufe und einer im Land ausgetragenen Fußballweltmeisterschaft nie richtig Fuß fassen. Das ist freilich nicht ohne Ironie, stehen die USA doch als angebliche Anstifter der Globalisierung oft am Pranger weltweiter Kritik. Tatsächlich aber lehnen die meisten Amerikaner den europäischen Fußball – mit bekannter globalisierungskritischer Rhetorik – als „unamerikanisch“ ab und fürchten, um eigene amerikanische Werte, wie sie Baseball, Basketball oder Eishockey verkörpern.

 

(Verfasst im Sommer 2007, erschienen im „EuroJournal pro management“ Heft 4/2007)

Supermans Rückkehr

November 11, 2007 by

Mit runden Geburtstagen oder prominenten Jubiläen ist es so eine Sache. Wer sie selbst feiert, kann persönliche Geschenke und Ehrungen ausschlagen und stattdessen um Spenden für einen wohltätigen Zweck bitten, um sich dem Trubel ein wenig zu entziehen. Das kommt immer gut an und schafft eine oftmals nötige Distanz. Anders sieht es aus, wenn der Jubilar nicht mehr am Leben ist und sich der Ehrung und Diskussionen um ihn nicht mehr erwehren kann. Ein solcher Fall wäre Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 15. November dieses Jahres runde 100 Jahre alt würde. Stauffenberg, der berühmt gewordene Hitler-Attentäter ist freilich noch nicht mal 37 Jahre alt geworden. Die Geschichte um „sein“ Attentat, im Deutschland der Nachkriegszeit als eine Art halboffizieller Feiertag mit alljährlichen Festakten gefeiert, ist von einem zarten Pflänzchen zum monumentalen Baum gewachsen, stets um weitere Jahresringe erweitert, imposanter, größer und gewichtiger geworden. Sie wuchs zur willkommenen Metapher des „Deutschen Widerstands gegen Hitler“, den es als nationales Phänomen freilich nicht gab. Je volkstümlicher das Stauffenberg-Thema durch Veranstaltungen, Theaterstücke, Filme und Bücher wird, umso mehr wird vereinfacht, pauschalisiert und ausgespart. Stauffenberg wird überlebensgroß, doch seine Motive werden immer nebulöser. Er wird zum Helden ohne Hintergrund, der ähnlich wie „Superman“ vor einer dramatischen Kulisse aus dem Nichts auftaucht, um die Welt zu retten. Die Rettung misslang. Hitler überlebte das Attentat für folgenschwere weitere Monate, Stauffenberg jedoch wurde mit anderen als Verschwörer tags darauf hingerichtet.  

  

Anders als der einfache schwäbische Arbeiter und Hitler-Gegner Georg Elser, der „den Führer“ bereits 1939 im Münchner „Bürgerbräukeller“ töten wollte,  war Graf von Stauffenberg allerdings auch ein früher Anhänger Hitlers, überzeugter Militär und stieg als Oberst in den Generalstab des Regimes auf. Noch im ersten Kriegsjahr schrieb er seiner Frau aus dem besetzten Polen: „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohl fühlt.“ Elser saß da schon als „besonderer Schutzhäftling” im KZ Dachau, das er nicht mehr lebend verlassen sollte. Es waren auch weder Parteienverbote noch Nürnberger Rassegesetze, weder Kristallnacht noch Auschwitz, die Stauffenberg zum „Deutschen Widerstand“ ermunterten. Zu zahlreich, begeistert und entschlossen folgte das deutsche Volk seinem Messias. Zu siegestrunken machten die Blitzkriege. Die damit verbundenen Entgleisungen nahm man zwar früh wahr, aber was wogen sie schon gegen die „Erfolge“? Die gaben Hitler Recht. Das sah der Patriot Stauffenberg auch so. Zum Putsch konnte sich Stauffenberg – seit dem 1. Juli 1940 mit regelmäßigem Zugang zu Hitler – folglich auch erst entschließen, als die militärische Niederlage unabwendbar war. Der Misserfolg gab Hitler nun Unrecht. Strittig war unter den Umstürzlern freilich, was an Stelle des Hitlerschen Regimes treten sollte. Eine parlamentarische Demokratie lehnten er und seine überwiegend konservativen aus dem Adel und Militär stammenden Mitverschwörer ab. Die Nazi-Propaganda tat sich da leichter und prangerte die Konspiration als feigen Landesverrat an, der dem Deutschen Reich in Zeiten höchster Not in den Rücken gefallen sei. Die Kontroversen um Stauffenberg und den 20. Juli blieben bis heute erhalten, wenngleich der Vorwurf des „Landesverrates“ aus den öffentlichen Debatten freilich verschwand und durch die Kritik eines zu späten und nicht unbedingt selbstlosen Handelns ersetzt wurde. Aber nicht nur Lob lässt sich aus zeitlicher Distanz leichter formulieren. Es dauerte seine Zeit, bis man Stauffenberg angemessen würdigte. Das Widerstandsrecht, welches moralisches, juristisches Argument dafür wäre, wurde freilich auch erst 1968 in das deutsche Grundgesetz aufgenommen. International wurde der 20. Juli hingegen kaum beachtet. Churchill hatte die Nachricht vom Attentatsversuch noch so kommentiert, dass sich die Nazis nun gegenseitig umbrächten, ihre Tage aber so oder so gezählt seien. Bis heute betrachtet man das Datum ganz im Gegensatz zur bundesdeutschen Wirklichkeit weiterhin als zu vernachlässigendes Randgeschehen. Nun zum runden Geburtstag Stauffenbergs könnte dieses „Desinteresse“ gerade auch international durchbrochen werden und dem Hitler-Attentäter die weltweite Aufmerksamkeit zuteil werden, die ihm nach Meinung vieler längst zustünde, nimmt sich doch nun Hollywood des Themas an. Wie so oft aber, wenn es die dunklen Jahren der deutschen Geschichte betrifft, geht dies nicht ohne bittere, mitunter skurrile Auseinandersetzungen von statten. Und so sind es gerade auch jene, denen am Vermächtnis Stauffenbergs besonders gelegen ist, die sich gegen diese Art der Würdigung heftig zur Wehr setzen.

  

Kontroversen über Filme, deren Dreharbeiten noch nicht einmal begonnen haben sind eher selten. Das Projekt „Valkyrie“, dass unter der Regie von Bryan Singer die Geschichte des versuchten Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 thematisiert, ist eine solche Ausnahme, zumindest in Deutschland, wo der Film größtenteils entstehen soll. Der Streit, der inzwischen alle Feuilletons beschäftigt, wurde u.a. von Berthold Schenk Graf von Stauffenberg losgetreten, der sich dagegen „ganz entschieden dagegen“ verwahrt, dass sein Vater vom international ungleich bekannteren US-Superstar Tom Cruise gespielt werden soll. Cruise nämlich bekennt sich zur Scientology Kirche, einer in Deutschland zwar nicht verbotenen, jedoch mitunter vom Verfassungsschutz überwachten und noch immer nicht als Religion anerkannten Organisation. Das Bundesfinanzministerium als Hausherr verweigerte für den Originalschauplatz Bendlerblock die Drehgenehmigung. Wo heute der Sitz des Verteidigungsministeriums ist, wurden Stauffenberg und andere nach dem Scheitern des Anschlags hingerichtet. Zur Begründung hieß es in einer offiziellen Stellungnahme, Dreharbeiten dort verletzen die Würde des Ortes. Merkwürdig jedoch ist, dass United Artists bislang gar keine Anträge für eine Drehgenehmigungen gestellt hat. Der Vorstoß der Bundessministerien kommt daher einigermaßen überraschend. Als vor vier Jahren Jo Baiers Fernsehfilm die Stauffenberg-Geschichte verfilmte, gab es diese Bedenken freilich nicht. Die Hauptrolle spielte damals Sebastian Koch, der just am selben Tag geboren wurde, als Adolf Eichmann hingerichtet wurde und somit einen Monat älter als Cruise ist. Vor Stauffenberg hatte Koch bereits Hitlers Architekten Albert Speer und den RAF-Terroristen Andreas Bader verkörpert. Irgendwo dazwischen musste dann wohl auch die Figur Stauffenberg hineingepasst haben, jedenfalls hielt es niemand für unpassend, dass er den Hitler-Attentäter mimte. Aktuell ist Koch in der Verfilmung des Kinderbuchs „Rennschwein Rudi Rüssel rennt wiederzu sehen, beworben als „vergnüglicher Kinospaß für die ganze Familie”. Das wird „Valkyrie“ wohl eher nicht werden.

  Anders als Koch hat Tom Cruise mit der Verkörperung historischer Charaktere praktisch keine Erfahrung, dafür erlangte er Weltruhm durch fiktive Figuren in Filmen wie „Top Gun“, „Rainman“, „Mission Impossible“ oder „Minority Report“, die zu internationalen Kassenschlagern wurden. Cruise selbst ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, wollte in früher Jugend katholischer Priester werden und besuchte sogar ein Jahr lang ein entsprechendes Seminar des Franziskanerordens. Dann jedoch wandte er sich dem Ringen zu, ehe er nach einer Knieverletzung den Sport aufgab und sich der Schauspielerei widmete. Zwar zählt er längst zu den bestbezahlten Akteuren des internationalen Filmgeschäfts, aber trotz dreier Nominierungen hatte es für ihn noch nicht zum begehrten „Oscar“ gereicht. Und so sind es nicht zuletzt auch eher private Belange, wie seine Ehen (mit Nicole Kidman und Katie Holmes), die ihn regelmäßig in die Schlagzeilen bringen, die den Gerüchten über seine angebliche Homosexualität keinen Abbruch tun konnten (oder diese erst erzeugten?). Ein wenig fühlt man sich an seinen Freund David Beckham erinnert, von nicht wenigen Sportjournalisten als überbewerteten Fußballer eingestuft, der aber nicht zuletzt durch seine Ehe mit einem „Spice Girl“ zum Liebling der Boulevard-Presse mutierte. Andere Kommentatoren ziehen Vergleiche zu den Diskussionen um Steven Spielberg, dem man als Regisseur von Filmen wie „Weißer Hai“, „E.T.“ oder „Jurassic Park“ anfangs kaum zutraute, einen Stoff wie „Schindlers Liste“ zu meistern. Inwieweit solche Gegenüberstellungen und Kritiken angemessen sind, ist jedoch eine Geschmacksfrage, da es ja nun auch nicht Tom Cruise ist der Regie führt, sondern Bryan Singer, kein Scientologe, sondern wie Spielberg Jude, der zuvor gleichfalls mit Action-Filmen wie „X-Men“ oder „Supermans Return“ Erfolge feierte.   

Cruise ist allerdings kein Antisemit und er leistete auch keinen Eid auf Hitler, jedoch bekennt er sich zur Scientology-Kirche, jener umstrittenen und bizarren Mischung aus Neurolinguistischem Programmieren (NLP), Science Fiktion und Mission Impossible, die nach eigenen Angaben etwa zehn Millionen Mitglieder hat (oder sollte man besser „Kunden“ sagen?). In vielen Ländern der Welt ist die Kirche zwar umstritten, aber auch anerkannt. In Deutschland betrachtet man sie als „Gefahr für Demokratie, Verfassung und Menschenrechte“ und sie wird deshalb seit über zehn Jahren von Verfassungsschützern beobachtet – sogar das Bayerische Innenministerium widmete ihnen eine eigene Broschüre – ohne dass freilich nennenswerte Erkenntnisse veröffentlicht wurden. Das aber soll die für ihre Geheimniskrämerei bekannte Scientology selbst ja ebenso handhaben. Oft angeführt wird die Behauptung die SO verfolge mittels manipulativer Psychopraktiken totalitäre, auf die Weltherrschaft ausgerichtete Ziele. Das gibt zu denken. Man fragt sich allerdings, wie das im Detail eigentlich funktionieren soll, ob es tatsächlich stattfindet und was dies mit Filmen zu tun haben könnte. Welcher Trick, auf den ich nicht komme, bringt die Scientology-Kirche mit Cruise als Stauffenberg der Weltherrschaft näher? Spielt Cruise die Rolle so gut, dass man seine Sekte als Widerstandsbewegung gegen das Nazi-Regime feiern wird? Oder befürchtet man etwa, der Scientologe wird die Stauffenberg-Rolle so boshaft interpretieren, dass ein weltweites Publikum Mitleid mit Hitler bekommt?

  

Peter Steinbach, Leiter der „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ in Berlin spricht im ZDF-Kulturmagazin „aspekte“ gar von einer „zweiten Hinrichtung des Protagonisten Stauffenbergs“ und Thomas Gandow, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg fordert „Cruise in dieser Rolle muss verhindert werden“. Man hat den Eindruck, als ob sich der deutsche Widerstand seiner Existenz versichern will und sich nun auf Cruise fixiert – freilich, Gott sei es gedankt, nicht in Form einer Bombe – aber doch in recht verbitterten, aggressiven Worten, ganz so als wollte man weitere Belege für die Einschätzung der Scientologen nachliefern, sie würden in Deutschland „wie einst die Juden diskriminiert und verfolgt“. An Boykott-Aufrufen gegenüber der Kirche in Deutschland mangelt es nach Auffassung deren Mitglieder hingegen nicht. Während einzelne Scientologen mit der Entlassung rechnen müssen, wurde der Frankfurter Niederlassung das Bankkonto aufgekündigt. Beispielsweise mussten auch schon mal alle leitenden Angestellten der Warsteiner GmbH, Deutschlands größte Privatbrauerei, schriftlich erklären, keine Mitglieder von Scientology zu sein. Aber auch Kindergärtenplätze werden verweigert, so die Eltern als Mitglieder bekannt sind oder sich als solche herausstellen und der Bundesverband Deutscher Privatschulen e.V. (VDP) versichert auf seiner Webseite „scientology-frei“ zu sein: „VDP-Mitglieder müssen eine Selbsterklärung ausfüllen, dass sie weder in Scientology-Techniken geschult wurden noch danach arbeiten und dass sie einen Einsatz dieser Techniken im Unterricht ablehnen.“ Entsprechend einer Weisung des Arbeitsministeriums an die Bundesanstalt für Arbeit von 1994 (IIa4-43/397) zur „Unvereinbarkeit mit Scientology“ verpflichtet sich auch der Bundesverband der Personalvermittler entsprechend. Und so weiter …

  Hauptgegner der Sekte scheint aber – und dies eher abseits der breiten Mediendebatte –  vor allem die Pharmaindustrie und mit zahlreiche Ärzteverbände zu sein, seitdem die Organisation in öffentlichen Demonstrationen und Kampagnen gegen Psychopharmaka und „die Psychiatrie“, zu Felde zieht. Laut Scientology wären diese nämlich bloße „Instrumente zur Versklavung der Menschheit“. Als solches Werkzeug diene bereits „Ritalin“, ein Methylphenidat-haltiges Präparat, das häufig u.a. hyperaktiven Kindern verabreicht wird. Das Mittel ist den Scientologen – wie anderen esoterisch angehauchten Heilspredigern – so verhasst, dass sie ihm einen „nationalsozialistischen und rassistischen Hintergrund“ andichten. Den es freilich nicht gibt. In beinahe jeder TV-Show, in der Tom Cruise in den letzten Jahren auftrat, verdammte er die Psychologie zu einer „Nazi-Wissenschaft“ (die Nazis sahen sie komischerweise noch als eine „jüdische“) und blamierte sich mit der Unterstellung, der Heroin-Ersatzstoff „Methadon“ sei zu Ehren Hitlers zunächst „Adolophine“ benannt worden. Richtig ist, dass Hitler Deutschland im Rahmen seiner Kriegsplanungen von ausländischen Opiumlieferungen, die der Morphinherstellung dienten, unabhängig machen wollte. Der daraufhin von Mitarbeitern der I.G. Farben unter der  Synthesenummer „Va 10820“ entwickelte Wirkstoff erhielt 1939 jedoch den Codenamen „Amidon“. Dem hingegen war es nun aber der US-Hersteller Eli Lilly, der der Substanz 1947 in den USA die selbstredende Bezeichnung „Dolo(r)phin“ (von lateinisch dolor = Schmerz und fin = Ende) gab. Es stimmt zwar, dass die „Ersatzdroge“ Methadon keineswegs harmlos ist – nach Angaben der EU sind die meisten Drogentoten in Europa auf Methadon zurückzuführen – dennoch ist die Kolportage bestenfalls ein schlechter Scherz, den Cruise freilich ernst nimmt. In den USA, wo Antidepressiva wie „Prozac“ so gängig sind wie hierzulande „Aspirin“, kommt Kritik gegen Pharmazeutika aber nicht überall gut an, schon gar nicht, wenn sie mit Halbwahrheiten oder barem Unsinn untermauert wird. Zur Bestürzung mancher Ärzte und der Pharmaindustrie verzeichnet die Propaganda von „Superstars“ wie Cruise oder Travolta durchaus Erfolg. Auch in Deutschland wächst seit Jahren die von der Sekte geschürte „Ritalin-Angst“, insbesondere in der „alternativen Heilkunde“-Szene. Befürworter und Gegner der Scientology-Kirche werfen sich nun neben psychologischer Manipulation auch vor allem wirtschaftliche Interessen vor. Kein Wunder: Allein im Bereich der medikamentösen Behandlung von Depression schätzt man das weltweite Marktvolumen auf rund 20 Milliarden Euro, was rund fünf Prozent des Gesamtpharmamarktes entspricht. Logisch, dass hier mit auf allen Seiten mit sehr harten Bandagen gekämpft wird. Für Außenstehende ist das schwer zu durchschauen.  

Worum ging es gleich noch mal? Richtig, um einen Film. Sicher es gab in der Filmgeschichte einige krasse Fehlbesetzungen. Wer bekommt etwa nicht ein ganz anderes, als das beabsichtige, Gruselgefühl, wenn er den hölzernen Jack Palance als „Dracula“ sieht oder dessen Western-Kollegen John Wayne in seiner völlig verkorksten Rolle als Mongolen-Fürst „Dschingis Khan“? Wer hegt auch nur noch einen Funken Hoffnung für irgendeine Form von Gerechtigkeit auf dieser Welt, nachdem er Omar Sharif als „Che Guevara“ erduldet hat? Als Demokrat tut man sich zugegeben etwas schwer damit, das so offen auszusprechen, aber bei manchen Machwerken verspürt man als Cineast doch wenigstens den heimlichen Wunsch, alle an der Produktion Beteiligten umgehend mit Zensur zu belegen. Ob bei wirklich schlechten Filmen der Anteil von Scientologen überproportional hoch ist, hat aber meines Wissens noch keine Studie schlüssig belegt. Vielleicht aber wären derlei Befürchtungen berechtigt, wenn ausschließlich Angehörige dieser Glaubensrichtung Filme produzierten, wirbt die Gruppierung doch auch mit dem Slogan „Wir nutzen nur 10 % unseres Gehirns“ (was aus medizinischer Hinsicht im Koma-Bereich läge). Der einzig objektive Grund der mir einfiele, warum Cruise nicht geeignet wäre Stauffenberg zu spielen wäre ein rein körperliches Kriterium. Stauffenberg war 1.85 m groß, Cruise hingegen misst nur 1.68 m.

Man sollte aber wie auch immer die Sache gelassener sehen und einfach abwarten wie „Valkyrie“, dessen Drehbuch kein Kommentator kennt, denn nun wird. Sollte wirklich nur Murks dabei herauskommen, kann man immer noch „Vergeltung“ üben, etwa in Form einer schwülstigen Hubbard-Biographie mit Hape Kerkeling in der Hauptrolle.  

(Juli 2007, erschienen im „Eurojournal“ 3/2007

C’est le ton qui fait la musique – Sarkozys neue Akzente in den transatlantischen Beziehungen

November 2, 2007 by

Frankreich hat gewählt und mit dem 52jährigen Nicolas Sarkozy einen neuen Staats- und Regierungschef. Der Sohn eines ungarischen Immigranten drängte bereits im Wahlkampf die Franzosen dazu, ihre berühmte entspannte Lebensart zu berichtigen, um mit Elan mehr für Frankreichs Wirtschaftswachstum und Wohlstand zu leisten.
Zwar besitzt Frankreich nach Deutschland die zweitgrößte Wirtschaftsmacht in Europa, doch gemessen am Wirtschaftswachstum fiel das Land unter den Euro-Ländern bereits auf Platz 10 zurück und weist zudem eine der höchsten Arbeitslosenraten der EU auf. Waren Politik und Wirtschaft Frankreichs in den letzten Jahren von beinahe undurchschaubaren Intrigen und Skandalen („Clearstream-Affäre“) erschüttert, so verunsicherten Unruhen unter perspektivenlosen jugendlichen Immigranten und Arbeitslosen in den Pariser Vororten und in anderen Großstädten die Gemütslage der Franzosen zusätzlich. Eine allgemeine Lethargie und Mutlosigkeit machte sich breit, die auch mit einer konzeptionell wenig überzeugenden und zudem auch glücklosen Politik auf internationalem Parkett einherging.
Während Deutschland eine immer stärkere Annäherung an Rußland betrieb und die Briten unter Tony Blair den Schulterschluß mit den USA noch mal verstärkten, dümpelte Frankreichs Rolle in der Welt vor sich hin und Präsident Jacques Chirac mußte schon Teheran mit dem Einsatz von Atomwaffen drohen, um überhaupt, wenn auch nur kurzfristig und keineswegs vorteilhaft, internationale Beachtung zu finden. Naturgemäß mußte bei einer solchen Ausgangslage bei Wahlen eigentlich die Opposition profitieren, jedoch mußte sich der Kandidat Sarkozy nicht zu sehr verstellen, um sich als Alternative zu jener Regierung zu präsentieren, der er selbst als Innenminister angehörte, setzte er sich doch gegen außerordentliche Widerstände des eigenen Lagers ebenso klar wie überzeugend durch. Sarkozy gelang es mit einer von vielen Kommentatoren in ihrer Machart als „amerikanisch“ empfundenen Kampagne, eine im Lande weit verbreitete Stimmung nach Veränderungen aufzugreifen und eine selbstbewußte nationale Aufbruchstimmung zu verkörpern, die vor allem auch an das Selbstverständnis der „Grande nation“ appellierte, in Anlehnung an die USA einen „französischen Traum“ versprach und somit schließlich sogar auch bei vielen Immigranten punktete. Ein Erfolg, der sich nun auch bei den Parlamentswahlen für seine Partei wiederholte.

Die Wahl des in Frankreich mal als „neuer Napoleon“ oder auch mal als „Petit Nicolas“ karikierten Politikers könnte nun aber auch helfen, die politischen Beziehungen zwischen Frankreich und den USA (aber auch zu Kanada) zu verbessern, die seit der rigorosen Ablehnung der US-geführten Invasion im März 2003 merklich abkühlten. Schon als möglicher Kandidat für das französische Präsidentenamt ließ Sarkozy keinen Zweifel an seiner Verbundenheit zu den Vereinigten Staaten und besuchte so etwa eine Gedenkveranstaltung am fünften Jahrestag der Anschläge des 11. September in New York City. Damals sagte er, daß er alles daran setzen wolle, um die Beziehungen zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten wieder aufzubauen, um die gemeinsamen weltweiten Herausforderungen anzunehmen.
Die zurückliegenden Trübungen der transatlantischen Beziehungen litten seiner Einschätzung nach dann auch unter zu vielen Mißverständnissen, die durch einen Mangel an Dialog und manchmal vielleicht auch durch ein Haar verursacht worden seien. Er wollte nun auch keine Schuldigen auf der einen oder anderen Seite suchen, sondern Lösungen finden. Mit solchen Worten hinterließ er bei seinen New Yorker Gastgebern, insbesondere aber auch in der politischen Szene des Landes einen nachhaltig positiven Eindruck über alle Lager hinweg, freilich nicht ohne in Frankreich Mißstimmung dafür zu ernten, auch bei Chirac, der sichtlich verstimmt darüber war, daß „sein“ Innenminister sich außenpolitisch betätigte und noch dazu im klaren Widerspruch zu seinen eigenen Positionen. Für Sarkozy jedoch überwiegen bei weitem die positiven Seiten der franko-amerikanischen Beziehungen und er beruft sich dabei ausdrücklich auf eine lange und alte Partnerschaft zwischen den beiden ältesten demokratischen Nationen, wie sie auch etwa auf der Webseite der französischen Botschaft in den USA zum Ausdruck kommt. Dort heißt es selbstsicher: „Unsere beiden Staaten sind in einer Freundschaft vereint, die weit mehr als 200 Jahre zurückreicht und die Frankreich zum ältesten Verbündeten Vereinigter Staaten macht.“ Das Bekenntnis streift die lange und wechselvolle Beziehung von den Schlachtfeldern von Yorktown bis zu denen der Normandie und stellt letztlich auch fest, daß es gewiß kein Zufall sei, daß die Universelle Erklärung der Menschenrechte vor mehr als 50 Jahren mit Eleanor Roosevelt und René Cassin, von einer US-Amerikanerin und einem Franzosen verfaßt wurde.
An diese enge, auch emotionale Verbundenheit möchte Sarkozy anknüpfen, um dem längst verhallten Versprechen seines Vorgängers Chirac vom aus dem Herbst 2001 (“Frankreich wird Schulter an Schulter mit Amerika in der ersten Frontlinie stehen, um die internationalen terroristischen Netzwerke zu bekämpfen, und für immer sein engster Verbündeter bleiben“) Gehalt und Wirkung geben.
So verwunderte es nun auch nicht, daß Sarkozy, der den Irak-Krieg freilich nach wie vor für einen Fehler hält, noch am Wahlabend gleich in seiner ersten offiziellen Dankesrede vor Parteianhängern ausdrücklich auf die USA zu sprechen kam, die „auf unsere Freundschaft zählen“ könnten: „Ich möchte klarstellen, daß die Vereinigten Staaten wissen, daß Frankreich immer auf ihrer Seite stehen, wenn sie es benötigen.“

Wer nun aber wie zahlreiche Kritiker hinter Sarkozys emotionaler Bekräftigung des franko-amerikanischen Verhältnisses eine neue Achse Bush-Sarkozy wittert, die nach dem Ausscheiden des britischen Premiers Blair noch mal zusätzlich an Bedeutung gewinnen könnte, liegt wohl falsch, denn Sarkozy läßt zum einen keinen Zweifel daran, daß es zwischen den amerikanischen und französischen Positionen und Interessen durchaus substantielle Unterschiede gibt, wie etwa in der Klimaschutzpolitik, oder aber daß er französische Agrarinteressen auf dem Weltmarkt ebenso nachdrücklich verteidigen will, wie die Bush-Administration amerikanische. Sarkozys bedachte Strategie besteht dabei jedoch darin, Gemeinsamkeiten zu betonen und Unterschiede zu diskutieren. Zum anderen weiß er natürlich, daß eine zu enge Festlegung auf die Bush-Administration weder sinnvoll noch zeitgemäß wäre, stehen doch auch in den USA Präsidentschaftswahlen ins Haus, im übrigen die ersten seit mehr als fünfzig Jahren, in denen kein aktueller Regierungschef oder Stellvertreter für das Amt kandidieren wird. Umso schwieriger ist es demnach auch einzuschätzen, wer im Januar 2009 Bushs Nachfolge im Weißen Haus antreten wird, ob nun Hillary Clinton oder John Edwards von den Demokraten oder John McCain, bzw. Rudy Giuliani von den Republikanern oder gar ein aktuell noch weniger beachteter weiterer Kandidat aus den beiden Lagern.
Jedoch kann wie auch immer kein Zweifel daran bestehen, daß Sarkozy alles daran setzen wird, das verbesserte Verhältnis zur westlichen Großmacht auch dazu zu nutzen, nicht nur um den Führungsanspruch in Europa zu untermauern, sondern auch, um das französische Gewicht auf der politischen Weltbühne wieder zu stärken. Daß er dabei auch den engeren Schulterschluss mit Großbritannien sucht und findet, kam nicht nur in Tony Blairs viel beachteten, in makellosem Französisch vorgetragenen Videogrußbotschaft zum Wahlsieg Sarkozys zum Ausdruck. Tatsächlich könnten sich die Akzente der europäischen Politik nun auch wieder mehr in die transatlantische Richtung verschieben, nachdem sie sich in den vergangenen Jahren, gerade auch unter deutschem Einfluß vermehrt auf Rußland bewegten. Nicht nur deshalb überwiegt in Deutschlands Politik und Presse derzeit auch noch eine gewisse Skepsis gegenüber dem neuen französischen Präsidenten, der im Wahlkampf zudem auch mit als „deutsch-feindlich“ bewerteten Auffassungen aufgefallen war. Daß das deutsche Volk mit seiner Stimme am Nazi-Wahn teilgenommen habe, sei ihm ein „Rätsel“, war da zu hören, wohingegen Frankreich wegen seiner eigenen Geschichte nicht erröten müße, habe es doch weder einen „Völkermord begangen“ noch „die Endlösung erfunden.“ Aussagen, die nicht nur vom sozialistischen Lager im französischen Wahlkampf als „Verneinung der deutsch-französischen Aussöhnung“, an der alle Präsidenten seit 50 Jahren gearbeitet hätten, bewertet wurden. Jedoch wäre übertrieben, Sarkozy auf Grund solcher Aussprüche, die im Wahlkampf letztlich auch eher für die Stärkung des heimischen Selbstbewußtseins bestimmt waren, als germanophob einzustufen. Das ist er keineswegs. So steht Sarkozy beispielsweise der Merkelschen Ablehnung einer EU-Mitgliedschaft der Türkei – von den USA traditionell befürwortet – als klarer Verbündeter zur Seite. Eine pragmatische Form der Beziehung, die sich jüngst auch beim G8-Gipfel in Heiligendamm bewährte, als Sarkozy gemeinsam mit Blair Merkels Position stützend, auch Bushs Haltung einbezog und sagte, er wolle „lieber mit den Fingern auf China als auf die USA zeigen“ und damit das Eis brach und so einen Kompromiß zwischen zuvor unversöhnlich gegenüberstehenden Positionen ermöglichte.
Die Karten der Weltpolitik werden neu gemischt und Sarkozy will dabei nicht nur Akzente setzen, die Frankreichs Position stärken, sondern in der Übergangszeit zu den Wahlen in den USA, Rußland, Großbritannien und Deutschland in den nächsten beiden Jahren in die tonangebende Rolle des Dirigenten finden.

(Yehuda, July 2007,  erschienen im „Eurojournal“ 2/2007

Ohne Israel geht es nicht

Juni 25, 2007 by

  

 Vor noch nicht mal einem Jahr sorgte der Krieg zwischen Libanon und Israel für weltweites Aufsehen. Hunderte von Raketen aus dem Libanon gingen auf Städte und Siedlungen im Norden Israels nieder und verursachten die umfangreichsten Schäden und Flüchtlingsströmen (eine halbe Million Israelis wurden evakuiert) seit Jahrzehnten. Paramilitärische Einheiten der Hisbollah waren zuvor auch auf israelisches Territorium vorgedrungen und hatten, wie kurz zuerst Kämpfer der Hamas, israelische Soldaten gekidnappt. Die Reaktion des israelischen Militärs auf den Beschuss und die Entführungen ließ nicht lange auf sich warten, hielt indessen lange an und wurde international in ungewöhnlich heftiger Weise kritisiert. Trotzdem man Israel das Recht zur Selbstverteidigung durchaus zusprach, war es auch für die westlichen Medien eine ausgemachte Sache, dass Israel dabei „überreagieren“ und „unverhältnismäßig“ vorginge. In Israel selbst hingegen wurde die Ineffizienz des militärischen Einsatzes, der überfordert wirkende Verteidigungsministers Amir Peretz und die zu späte Bodenoffensive kritisiert. Letztere half doch wohl der Hisbollah, sich teilweise in Sicherheit zu bringen und sich hernach als „triumphaler Sieger“ auszurufen. Worin dieser Sieg der Hisbollah nun aber bestanden haben mag, ist ein vielen ein Rätsel. Auch für Hazem Saghieh, dem libanesischen Redakteur der Al-Hayat, der zweitgrößten pan-arabischen Tageszeitung mit Sitz in London, der als Resultat des Krieges sieht, dass lediglich Teile des Libanons zerbombt wurden, während Israel die Aufstockung der zuvor zahnlose UNIFIL erreicht hätte und nun weite Teile der hoheitlichen Aufgaben im Libanon übernommen habe. Ein „Optimismus“, den man zumindest in Israel nicht teilen mag, beklagt man doch weiterhin Schmuggel von Waffen und Drogen über die syrische Grenze, doch die erwartbar unterschiedlichen Wertungen in Israel und der arabischen Welt alleine wären nicht allzu bewegend, wäre die Region seitdem zur Ruhe gekommen. Davon freilich kann in diesem Frühsommer keineswegs die Rede sein. Wie im Vorjahr gibt es schwere Gefechte im Libanon zwischen Militär und als Terroristen eingestuften Kämpfern in sog. „palästinensischen Flüchtlingslagern“ einerseits und blutige Kämpfe in Gaza. Die Szenarien gleichen sich: Tote, Verletzte, weinende Kinder und Frauen, zehntausende Flüchtlinge, internationale Hilfskonvois, die behindert werden und schließlich doch zu den Notleidenden durchkommen. Und doch gibt es einen wesentlichen Unterschied, der für eine andere Art der Aufmerksamkeit sorgt: fast alles findet ohne Israel statt.

Im Libanon ist es in diesem Jahr die libanesische Armee, die gegen Terroristen kämpft, etwas was ihr im Vorjahr niemand zutrauen wollte. Die blutigen Konflikte zwischen den palästinensischen Fatah-al-Islam-Kämpfern und den libanesischen Sicherheitskräften halten bereits seit Ende Mai an, obwohl sich die libanesische Armee schon mehrfach zum Sieger ausgerufen hat. Anders als vor einem Jahr gibt es dieses mal freilich keine Sondersendungen im deutschen Fernsehen und auch der im letzten Jahr obligatorische  „Bodycount“ wird fast „lustlos“ vorgenommen und begnügt sich mit grob geschätzten „Hunderten von Toten“ (wer will es auch schon so genau wissen?). Für die dieses mal ganz „unvermeidlichen“ zivilen Opfers fand sich niemand, der die libanesische Armee anklagen wollte. Als vor einem Jahr bei beim irrtümlichen Beschuss eines UN-Postens, aus dessen unmittelbarer Nähe Hisbollah-Milizen Raketen auf Israel abgefeuert hatten, durch die israelische Armee vier UN-Soldaten ums Leben kamen, blieb der internationale Aufschrei nicht aus. Sogar der damalige Generalsekretär der UNO war sich bereits eine halbe Stunde nach dem Vorfall „absolut sicher“, dass der Beschuss kein Versehen, sondern Absicht war und forderte eine Verurteilung Israels. Zwar ruderte er schnell wieder zurück und entschuldigte sich für seine unparteiliche Voreiligkeit, aber keineswegs in derselben Lautstärke und Dringlichkeit, sondern still und mit leisen, freundlichen Tönen. Da freilich war der Imageschaden auch schon angerichtet. Ganz anders alles nun im Jahr darauf, als am Wochenende sechs der im Libanon stationierten spanischen UNIFIL-Soldaten bei einem gezielten Anschlag auf ihren Konvoi ums Leben kamen. Bei der Vorbeifahrt ihres gepanzerten Fahrzeugs explodierte eine ferngezündete Autobombe, wie der spanische Verteidigungsminister José Antonio Alonso mitteilte. Die Opfer waren junge Rekruten im Alter zwischen 18 und 21 Jahren. Drei von ihnen waren gebürtige Kolumbianer, die die spanische Staatsbürgerschaft angenommen hatten. In libanesischen Sicherheitskreisen hieß es schnell, 33 inhaftierte Mitglieder von Fatah al-Islam hätten eingestanden, dass die Organisation Anschläge auf die UNIFIL geplant habe. Wer will und kann das bezweifeln? Allseitiges Bedauern machte die Runde, aber wen wollte man nun anklagen, wem Vorwürfe machen? Den Libanesen, den Palästinsern? Syrien und die Hisbollah distanzierten sich sofort von dem Anschlag, den sie als „verbrecherisch“ bezeichneten. Das überraschte alle, die mit einem Geständnis aus dieser Richtung kalkulierten. Insgesamt wurden nun aber allein am zurückliegenden Wochenende im Libanon zwanzig Menschen getötet. Elf davon, unter ihnen ein zehnjähriges Mädchen, starben nach Armeeangaben in der Nacht zum Sonntag bei einer Schießerei zwischen Regierungssoldaten und palästinensischen Extremisten in einem Wohnhaus der nördlichen Hafenstadt Tripoli.

Das ist bedrückend und dennoch mangelt es nicht gänzlich an Optimismus. „Die politische Lage im Libanon ist schwierig, aber es gibt eine gewählte Regierung, und es sollte ihr ermöglicht werden, zu funktionieren„, betonte US-Außenministerin Condoleezza Rice, die freilich ignoriert, dass dieser Regierung nach wie vor auch die Hisbollah anhört, die den Energieminister des Landes stellt. Das überrascht ein wenig, da die USA eines der wenigen Länder sind, die die Hisbollah offiziell als Terrororganisation einstufen – in der Europa vertritt zwar auch das EU-Parlament diese mehrheitliche Auffassung, aber EU-Außensprecher Solana hält eine solche Festlegung „für eher hinderlich“. Wer will schon so genau wissen warum und wobei? Sicher ist, dass die Hisbollah nicht das einzige Problem im Libanon ist. In der Vorwoche etwa kamen bei einem Bombenanschlag in Beirut neun Menschen ums Leben, unter ihnen der prominente und charismatische, jedoch anti-syrische Abgeordnete Walid Eido, sein ältester Sohn Chaled und zwei seiner Leibwächter. Der Anschlag erinnerte sehr an die Liquidierung des maronitisch-christlichen Industrieministers Pierre Gemayel Junior im November 2006, Neffe des 1982 ebenfalls bei einem Attentat ermordeten früheren libanesischen Präsidenten Bachir Gemayel, und freilich auch an den blutigen Anschlag auf den ehemaligen Premierminister Rafiq Hariri im Februar 2005, für den gemeinhin Syrien verantwortlich gemacht wird. Mit den Vorwürfen an Damaskus die bis in den Präsidentenpalast reichen, befassen sich seit zwei Jahren schon UN-Sonderermittler, zunächst unter der Leitung des deutschen Staatsanwaltes Detlev Mehlis, der bereits an der Aufklärung des Anschlags auf die Berliner Diskothek „La Belle“ im Jahre 1986 mitgewirkt hatte und dabei die Verwicklung des libyschen Geheimdienstes nachwies. Die Untersuchung im Hariri-Mord legte Mehlis freilich nieder, nachdem er zum einem persönlich bedroht wurde und zum anderen in der UN nicht den erforderlichen Rückhalt für seine Arbeit fand. Unter seinem Nachfolger, dem Belgier Serge Brammerts laufen die Ermittlungen seitdem eher schleppend weitern, sollen aber zu einem internationalen Tribunal über die Täter, die weiterhin in Syrien vermutet werden, münden. Wer überflüssigen Optimismus hat, möge ihn hier investieren.

Trotz des politischen Chaos und der ausufernden Gewalt im Libanon bleibt es zwischen Israelis und Libanesen seit Monaten erstaunlich ruhig und man könnte sich darüber verwundert die Augen reiben, hätte die weltweite Aufmerksamkeit in den letzten Wochen denn überhaupt sonderlich von den Konfrontationen im Libanon Notiz genommen. Der inzwischen als „innerpalästinensischer Bruder- oder Bürgerkrieg“ bezeichnete Kampf zwischen der Hamas und der Fatah im und um den Gaza-Streifen, den die radikal-islamistische Hamas für sich entschied, stahl den Libanesen sozusagen die „Show“. Hamas übt die vollständige Kontrolle in Gaza aus. Neben dem Fatah-Hauptquartier wurde dabei auch die frühere Villa des verstorbenen PLO-Führers Yasser Arafat geplündert, wobei der Hamas u.a. auch dessen Friedensnobelpreis-Medaille, sowie kostbare Abendkleider dessen Frau in die Hände fielen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, sonst eher auf Vorwürfe gegen Israel spezialisiert, hat beiden Konfliktparteien schwerste Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Unter anderem seien Zivilisten ganz gezielt getötet, politische Gegner und Entführte ohne jeden Prozess hingerichtet und Gefangene sogar kurzerhand von Hochhäusern geworfen worden. Zudem wurde selbst in Krankenhäusern gekämpft und aus mit „TV“ und „Ambulanz“ markierten Fahrzeugen geschossen. Vorwürfe die auch das Internationale Rote Kreuz vor Ort bestätigte. Tausende Fatah-nahe Flüchtlinge warteten an der Grenze zu Ägypten auf die Ausreise in das Westjordanland (was Israel teilweise gestattete). Genauere Angaben über die Anzahl der Opfer gibt es freilich auch in diesem Konflikt nicht, was ein wenig verwundert, da sich in den letzten Jahren auch kein Mangel an Kameras bemerkbar machte, die Verletzte im Gazastreifen filmten. Jedoch gibt es als Resultat der Entwicklung nun faktisch zwei „unabhängige“ Autonomieverwaltungen, die der Fatah in Ramallah und die andere in Gaza-Stadt – die sich freilich gegenseitig nicht anerkennen und die Frage eines unabhängigen Palästinenserstaates scheint in weitere ferne gerückt. Selbst in der arabischen Welt, die oft genug immer neue Rekorde in Realitätsverleugnung und Selbstüberschätzung aufstellt, wird man immer deutlicher gewahr, dass man keinen  „nationalen arabischen Befreiungskrieg“ führen kann, wenn es keine arabische Nation gibt. Der großarabische Traum zerfällt zunehmend in die Einzelfragmente seiner vorstaatlichen Bataillone, sprich in Ethnien, Religionen, Sekten und Clans, die mit poststaatlichen Ideologien dem Panislamismus hantieren wie Blinde mit Granaten.

Aber auch die internationale, zumal die europäische Politik tut sich nun etwas schwer, die verwirrende Lage um Israel herum einzuschätzen und Schlüsse zu ziehen. Noch vor Monaten wurde das Abkommen zur Bildung einer Einheitsregierung zwischen Hamas und Fatah stillschweigend begrüßt und seitens der EU baute sich allmählich einiger diplomatischer Druck auf Israel auf, weitere Verhandlungen mit „den“ Palästinensern nicht zu blockieren. Davon ist nun freilich nicht mehr die Rede, denn Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas bezeichnet die Hamas inzwischen als Terrororganisation, mit der es keinerlei Verhandlungen geben dürfe. Dafür bekommt er nun auch sofortige Rückendeckung seitens der EU wie auch der USA, was in der israelischen Presse freilich eine gewisse Verwunderung, und mancherorts auch gar Häme hervorruft. Anders als Israels Presse und Bevölkerung, die sich längst nicht darüber im Klaren sind, ob sie in der Hamas wirklich das größere Übel sehen müssen, schließt sich Israels Regierung freilich der neuen Sprachregelung an, die alle Diskussionen über die Anerkennung einer palästinensischen „Einheitsregierung“ vergisst, als hätte es sie nie gegeben und stattdessen in der Fatah die alleinige Vertretung der Palästinenser sieht. Zwar wäre dies nicht grundlos, denn immerhin schloss Israel die Autonomieverträge doch mit der PLO/Fatah, aber mehrten sich nicht Stimmen, die Hamas als „gewählte Regierung“ anerkannten? Nun ist jedoch klar, dass man Abbas im Vierergipfel Fatah, Jordanien und Israel beim ägyptischen Gastgeber in Sharm-el-Sheikh demonstrativen Rückhalt geben will. Damit aus dem Treffen etwas werden kann, hatten die Europäer auch weitere Finanzspritzen angekündigt, während Israel sich seinerseits mit tonnenweisen Hilfsgütern an die Palästinenser in Gaza ins Gedächtnis zurückruft. Der Dank dafür dürften früher oder später Kasam-Raketen sein und das eben ist das Dilemma.

Israel mag sich nun noch sehr wundern darüber, dass seine Nachbarn statt Israel sich selbst angreifen. Israel mag sich sogar darüber freuen, dass die internationale Sichtweise differenzierter geworden ist, man nicht mehr von dem Nahostkonflikt spricht, sondern deren verschiedene wahrnimmt, seien es nun Hisbollah, Fatah oder Syrer, Christen oder Drusen im Libanon, Hamas oder Fatah in Gaza und der Westbank oder Schiiten und Sunniten im Irak … Das oftmals schwarz-weiße Bild ist farbig geworden, bunt, internationale Beobachter verwirrend, wohl auch nervend. All dies ist für Israel weder neu noch erschreckend, aber unter Umständen gefährlich. Die eine Gefahr besteht darin, sich zu leicht daran zu gewöhnen, nicht im Blickpunkt der Aggression zu stehen – ein Zustand den man leicht mit „Frieden“ oder vielleicht sogar mit Hoffnung verwechseln könnte. Versuche Israel in den einen oder anderen Konflikt mit hineinzuziehen gab es und wird es weiter geben und Lunten liegen überall. Die andere Gefahr besteht aber darin, dass Europäer und Amerikaner einmal mehr ihre Probleme auf dem Rücken Israels lösen möchten. Die EU beispielsweise sitzt vor dem Scherbenhaufen ihrer Nahostpolitik seit dem Abkommen von Oslo 1993. Was damals hoffnungsvoll begann, wurde von der Hamas zerbombt, solange bis der Friedensprozess scheiterte. Was übersehen wurde, war, warum die Hamas den Frieden ablehnte. Sie wollte zu 40 % beteiligt werden am Geldsegen, der aus dem Westen kommen sollte, was Arafat allerdings kategorisch ablehnte. Folglich setzte die Hamas auf Terror – gegen Israels Zivilbevölkerung freilich und damit gegen das Abkommen von Oslo. Nun 14 Jahre später wollten EU und USA Israel wohl nicht ungern aufs Neue in dieselbe Falle tappen lassen, zum einem um die eigenen Fehler zu kaschieren, zum anderen, um Israel, das aktuell außerhalb der Konflikte im Nahen Osten steht, wieder zum kritisierbaren Akteur zu machen. Europäer wie Amerikaner mögen keine zu komplizierten Situation und Konflikte, denn sie differenzieren nicht gerne. „Israel gegen Araber“, das ist etwas womit Freunde und Feinde Israels gut umgehen können, zumal für beide Assoziationen zum Holocaust auf der Hand liegen. Was aber will man schon sagen, wenn maronitische Libanesen sich mit Al Kaida nahen Sunniten verbünden, um pro-iranische Schiiten zu bekämpfen? Wer weiß welche schiitische Gruppierung im Irak vom Iran finanziert, welche andere aber entschieden bekämpft wird und warum? Und so wird man im ägyptischen Ferienbad sicher schnell zu dem Resultat kommen, dass gegenwärtig etwas ganz besonders fehlt in der Region, nicht der Frieden, sondern Israel, denn ohne Israel geht es nicht. Und Olmert, der Abbas Zugeständnisse jeder Art machen wird, um dessen „Gewicht“ zu stärken, wird den Israelis beibringen müssen, dass irgendwann bekanntlich auch die schönsten Sommerferien zu Ende gehen.                

Ökoteriker – moderne Propheten des Untergangs

März 5, 2007 by

Ich fand es immer schon bemerkenswert, dass ausgerechnet jene Leute, die für ein Kilo gewöhnliches Weizenmehl statt 25 Cent 2 Euro verlangen anderen unterstellen, rein kommerzielle Interessen zu verfolgen. Sie erstaunen mich nicht weniger als jene Politiker, die oft mehrmals täglich ins Flugzeug steigen und bei Kurzinterviews dem gemeinen Volk ratschlagen, man möge doch das eine oder andere Mal das Auto stehen lassen und zu Fuß gehen. Sie sind nicht selten mit jenen identisch, die davon sprechen, dass höhere Energiepreise ratsam seien und einen „Lenkungseffekt“, sprich eine erzieherische Wirkung haben und den einfachen Bürger zu Einsparungen zwingen. Richtig, warum soll man im Winter auch heizen, wenn man aus Angst vor drohenden Kündigungen sich sowieso nicht traut sich krankschreiben zu lassen?    

Das muss nicht weiter kümmern, könnten die Krankheiten und das Risiko ja unter Umständen in gleichem Umfang eingebildet  sein, wie das angebliche Waldsterben, jene Meisterleistung deutscher Umwelthysteriker, für dies uns Franzosen und Engländer noch heute verlachen. Da freilich bereits vor fünf Jahren, im Jahr 2002 die damalige Bundesumwelt- und Landwirtschaftsministerin Renate Künast („Die Grünen“) das Waldsterben für „beendet“ erklärte, nur knapp sieben Jahre, nach dem wissenschaftliche Studien zweifelsfrei belegt haben, dass es kein Waldsterben gibt, musste logischerweise in der Angstlobby der Ökoteriker Ersatz gefunden werden.Der nun wurde sehr schnell gefunden und zwar mehrfach: Das Ozon, das CO2, der Feinstaub, die „Klimakatastrophe“…  

Zwar wissen wir aus Konversationsstunden und Verhaltensschulungen, dass das Reden übers Wetter gewöhnlich ein Ausdruck dafür ist, Schweigen und andere Peinlichkeiten zu überspielen – und nicht umsonst standen Wetterberichte ganz am Ende de Nachrichtenkette – aber wir erleben es in immer stärkeren Maße, dass sich eine Vielzahl von Menschen aus dieser Not eine Tugend und aus dieser wiederum eine Lehre, eine Ideologie, ja eine Pseudo-Religion gemacht haben. Übers Wetter zu sprechen ist derzeit nicht mehr banal, nicht mehr verschrobenes, peinliches Altweibergewäsch, sondern macht betroffen und bringt die einfühlsame, mitunter verzweifelte Sorge um die in ihrer Existenz bedrohte Welt zum Ausdruck, bedroht von „den anderen“, den bösen, finsteren Mächten, die man möglicherweise am besten daran erkennt, dass sie in den Gesang der Trauersirenen nicht lauthals einstimmen. Vor dem richtigen Verhalten steht allemal die richtige Gesinnung, weshalb ein um die Welt jettender Umweltschützer zweifellos als umweltbewusster einzustufen ist, als jemand, der ein simpler Normalbürger ist, vielleicht nicht mal ein Auto besitzt, aber die Umwelthysterie als das einstuft was sie ist: als krank. 

In seinem 2004 erschienenen Buch „Welt in Angst“ (Original: „State of Fear“) kritisiert der zuvor eher unpolitische Erfolgsautor Michael Chrichton ein weitgehend ideologisierte Wissenschaft im Zusammenhang mit einer angeblichen anthropogenen Ursachen der Klimaerwärmung vor. Mit „Welt in Angst“ betritt Crichton Neuland: nicht mehr eine bedrohliche moderne Technologie steht im Mittelpunkt, sondern krimineller und politischer Missbrauch der Wissenschaft. Crichton bricht ein modernes Tabu und prangert seiner Meinung nach hysterische Umweltschützer und als alarmistisch empfundene Berichte über eine bevorstehende Klima-Katastrophe an. Erstmals bekennt sich der 62-Jährige zu einer persönlichen „Botschaft“. Verkürzt heißt sie: die angeblich im Namen der Umwelt sprechen, sind keineswegs Idealisten und die „Guten“. Es gebe keinen wissenschaftlichen Beleg für eine bedrohliche, von Menschen verursachte Erwärmung der Erdatmosphäre, für ein Abschmelzen der Polarkuppen oder andere Öko-Horrorszenarien wie Zunahme von Naturkatastrophen oder steigende Meeresspiegel – genau dies behaupten allerdings viele Wissenschaftler. Der gründlich recherchierte, aber höchst umstrittene Thriller lieferte nebenbei Argumente, warum die USA das Kyoto-Protokoll nach Ansicht Crichtons zu Recht abgelehnt haben und zugleich wendet er sich auch gegen vorwiegend europäische Hysterie in Fragen Umweltschutz. Crichton geht zu Recht davon aus, dass jedem Kritiker der Ökologie-Bewegung unterstellt wird, bezahlter Handlanger von Industrie-Interessen zu sein. Deshalb ist der Thriller durchsetzt mit Verweisen auf Analysen internationaler Organisationen und Institute, mit Zitaten renommierter Wissenschaftler und vielen Schaubildern. Crichton will belegen, dass auch in der Wirklichkeit eine Allianz von Juristen, Politikern, Medien und professionellen Umweltschützern die Angst der Menschen bewusst schüre. Das Bedrohliche daran sei vor allem, dass die Beseitigung der tatsächlichen Probleme – wie das der Armut in der Dritten Welt – von Umweltschützern eher behindert werde. Nicht die angebliche Erderwärmung sei bedrohlich, sondern die Wirtschafts-Feindlichkeit der Ökologen. Nicht verwunderlich, dass die Kritik den sonst gefeierten Autoren (Jurassic Park“) zu einem bloßen Schreiber der Öllobby ummünzen wollte. Ist die Theorie der globalen Erwärmung wirklich nur heiße Luft? Crichton, der sich selbst einen „Rationalisten“ nennt, sieht überall eine medial erzeugte Klimapanik, anerkennt aber freilich die Leistungen die praktischen Leistungen des Umweltschutzes: „Was die Umweltschützer der Siebziger Jahre bewirkt haben, war für uns alle wichtig und hat viel Positives bewirkt.“  

Zu den Kritikern einer Umwelthysterie gesellte sich jüngst auch der tschechische Staatspräsident Vaclav Klaus, der deutliche Worte findet: „Global warming ist ein Mythos, und ich denke, dass jeder ernsthafte Mensch und Wissenschaftler dies auch sagt. Es ist nicht in Ordnung, sich auf das UN-Gremium zu berufen. IPCC ist kein wissenschaftliches Gremium: es ist eine politische Institution, eine Art Nicht-Regierungs-Organisation mit grünem Charakter. Es ist kein Forum von neutralen Wissenschaftlern oder eine ausgewogene Gruppe von Wissenschaftlern. Seine Mitglieder sind politisierte Wissenschaftler, die sich mit einseitiger Meinung und mit einseitigem Auftrag dort einfinden. Somit ist es ein unwürdiger Unfug, dass die Leute nicht auf den fertigen Report warten, der Mai 2007 erscheint, sondern in solch übertriebener Weise auf die Zusammenfassung für Politiker SPM reagieren, bei dem alle wenn´s und aber´s herausgestrichen, gelöscht sind und durch übermäßig vereinfachte Thesen ersetzt sind. Das ist eindeutig ein unglaubliches Versagen vieler Leute, vom Journalisten bis zu Politikern… Wenn die Europäische Kommission prompt auf so einen Trick hereinfällt, ist das ein weiterer sehr guter Grund dafür, dass die Staaten selbst und nicht die Kommission über solche Dinge entscheiden sollten … Umweltschutzhysterie ist eine metaphysische Ideologie und hat als eine Weltanschauung nichts mit Naturwissenschaft oder dem Klima zu tun … Eigentlich kann nur Al Gore so argumentieren: ein vernünftiger Mensch kaum. Ich sehe keinerlei Zerstörung unseres Planeten, ich habe nie eine gesehen und ich glaube nicht, dass ein verständiger und ernsthafter Mensch sagen würde, er hätte sie gesehen … Zum Beispiel wissen wir, dass eine enge Korrelation besteht zwischen dem Aufwand, den wir auf unsere Umwelt verwenden einerseits und den technologischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten auf der anderen Seite. Es ist klar, dass, je ärmer die Länder sind, umso rauher behandeln sie die Natur. Und umgekehrt: je reicher die Gesellschaften sind, desto mehr tun sie für die Umwelt. Fest steht auch, dass es Gesellschaftssysteme gibt, die die Umwelt schädigen – indem sie das Privateigentum abschaffen und ähnliche Dinge – und zwar weit mehr als die freien Systeme. Dieser Zusammenhang wird auf Dauer entscheidend sein. Er zeigt sich ganz einfach darin, dass die Natur heute am 8. Februar 2007 unvergleichlich besser geschützt ist als am 8. Februar, zehn, fünfzig oder hundert Jahre zuvor.“ (http://www.oekologismus.de/index.php/archives/category/hintergrundinformation/) 

Damit tanzt Klaus aus der Reihe der besorgten Staatschefs, schlägt dabei aber in dieselbe Kerbe wie in Deutschland etwa die Sachbuchautoren Maxeiner und Miersch, neben ihrer WELT-Kolumne bekannt geworden u.a. durch ihr „Lexikon der Öko-Irrtümer“ (Piper-Verlag, 2002), die von einem „Wettlauf der Angsthasen“ (12.01.2007 in DIE WELT) oder gar von einer „Angst-Industrie“ sprechen. Das Credo ihrer Arbeit: „Fortschritt ist eine messbare Tatsache. Er misst sich an Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Alphabetisierung, Nahrungskalorien pro Kopf, Durchschnittseinkommen und vielen anderen Indikatoren. Welchen davon man auch immer nimmt, alle sahen vor 25, 50 oder vor 100 Jahren schlechter aus als heute. Die Welt ist besser geworden, entgegen aller Prognosen von Endzeitpropheten und kulturpessimistischen Intellektuellen“. Dass die Industrie per se in Umweltschützerkreisen noch immer als Feind angesehen wird, hält Maxeiner schlicht für einen Pawlowschen Reflex: „Man sattelt von einem Feind zum nächsten um. Heute ist der Buhmann nicht mehr die chemische Industrie, sondern die Gentechnik.“ Miersch sieht die Ursache auch in der einseitigen Berichterstattung hier zu Lande. „Diese trifft auf die archetypische Angst, vergiftet zu werden„, so der 50-Jährige. „Dabei machen Millionen von Deutschen Urlaub in Australien oder Kanada und essen dort mit jedem Toast gentechnisch veränderte Lebensmittel, ohne auch nur einen Pickel oder Schnupfen zu kriegen.“ Im Gegensatz zur öffentlichen Meinung empfiehlt er einen Blick auf die US-Energiepolitik. „Die Amerikaner sind ergebnisoffener, stecken viel Geld in die Forschung und setzen darauf, dass der Rest über den Markt geregelt wird“, so Maxeiner. „Die Forschung behandelt beispielsweise das Problem, wie man Kohle verbrennen kann, ohne Kohlendioxid in die Luft zu stoßen.“

Mit solchen Ansätzen widersprechen die beiden Umweltjournalisten diametral dem deutschen Kyoto-Glauben. Dabei, so ergänzt Miersch, seien sich die Ökonomen einig, dass das Kyoto-Protokoll, das eine Verringerung des Kohlendioxid-Ausstoßes vorschreibt, wahnsinnig viel Geld koste mit null Ergebnis. „Man müsste sich fragen, wie man mit demselben Einsatz mehr erreichen könnte. Aber bei Kyoto geht es gar nicht mehr ums Klima, sondern um die moralische Lufthoheit von Europa.“ 

Um nicht missverstanden zu werden, Umweltschutz ist eine notwendige, und wo mit Bedacht praktiziert nützliche und segensreiche Sache, aber falsch verstandene, rein ideologische, pseudo-wissenschaftliche Ersatzreligion auf der Basis diffuser Ängste und Schuldkomplexe hat in aller Regel gegenteilige, ja mitunter tödliche Folgen, wie etwa das Beispiel DDT zeigt. Deepak Lal, Professor für Internationale Entwicklung an der Universität von Kalifornien, Los Angeles, weißt etwa daraufhin, dass DDT das günstigste Mittel war, das jemals zur Bekämpfung von Krankheiten, die durch Fliegen und Mücken übertragen werden, produziert wurde. Nach Schätzungen der US-amerikanischen Nationalen Wissenschaftsakademie hat DDT bis 1970 eine halbe Milliarde Menschen vor dem Malariatod bewahrt. In Indien konnte die Krankheit durch systematisches Sprühen bis zu den 60er Jahren praktisch ausgerottet werden. Die Anzahl der Malariaerkrankungen war von 77 Millionen im Jahr 1951 auf knappe 50000 im Jahr 1961 gefallen und auch die Zahl der Todesfälle durch Malaria fiel von einer Million in den 40er Jahren auf einige Tausend in den 60ern. Dann allerdings brach in den 70ern eine Umwelthysterie aus, die hauptsächlich durch das Buch „Der stumme Frühling“ („The Silent Spring“, 1962) ausgelöst worden war, deren Autorin Rachel Carson (1907-1964) als einflussreiche Mitbegründerin der modernen Umweltbewegung gilt, und in Folge dessen wurde die Verwendung von DDT nicht mehr durch Entwicklungshilfe- und UN-Organisationen unterstützt und nahm rapide ab. Bald griffen die Mücken wieder an und die Malaria kehrte nach Indien und Afrika zurück. Bis 1997 gab es nach Schätzungen des Entwicklungsprogramms der UN allein in Indien wieder 2.6 Millionen Malariafälle. Tendenz steigend. Lal: „Warum ist DDT in Ungnade gefallen? Die DDT-Hysterie begann mit der Behauptung von Rachel Carson, das Mittel habe verheerende Folgen für Vögel. Man glaubte auch, es verursache Hepatitis bei Menschen. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen beweisen jedoch, dass diese Ängste grundlos sind. Es ist nachgewiesen, dass DDT bei Menschen nur dann den Tod hervorruft, wenn es löffelweise gegessen wird!“  

Zahllose Kommissionen, ein Nobelpreisträger nach dem anderen haben die Ungefährlichkeit von DDT nachgewiesen. 1971 nannte der damalige Präsident der US-amerikanischen Nationalen Wissenschaftsakademie, Philip Handler, DDT „die größte Chemikalie, die jemals entdeckt worden ist“. Dennoch verbat Präsident Nixons Leiter der Umweltschutzbehörde DDT im Jahr 1972. Die meisten entwickelten Länder folgten dem Beispiel Amerikas, das die neuerliche Erkrankung von Millionen Menschen und den Tod vieler begünstigte. Alleine in Deutschland sind, nach Angaben des Robert-Koch-Instituts konstant rund 500 – 1000 Malaria-Fälle und jährlich etwa 10 Todesfälle zu verzeichnen. Da rund 90 % der Erkrankungen in afrikanischen Endemiegebieten auftreten, fällt das für unsere Medien nicht weiter ins Gewicht, ebenso wenig wie die Anzahl von etwa 2 Millionen Toten pro Jahr, von denen etwa die Hälfte Kinder unter 5 Jahren sind, wie das Institut berichtet. 

Kein Wunder also, dass der indisch-stämmige Professor in den Motiven der Umweltschützer eine unterschwellige Menschenfeindlichkeit wittert:  

Da überrascht es nicht mehr, dass viele Umweltschützer so argumentieren: „Es ist vielleicht ungerecht, zu verhindern, dass die Menschen an Malaria sterben, nur damit sie langsamer des Hungers sterben. [Malaria ist vielleicht sogar] ein versteckter Segen, da eine große Bevölkerung im Malariagürtel der Landwirtschaft nicht gut tut und die Krankheit den Menschen bisher daran gehindert hat, diese zu zerstören.““ 

Zynismus ist den bekennenden Ökoterikern aber nicht fremd, wie man selbst aus harmloseren Beispielen wie der Ökosteuer in Deutschland kennt, die stellenweise ausgerechnet die energieintensiven Industrien begünstigt. 

Wie im „finstersten Mittelalter“ propagieren die bekennenden Ökoteriker, sprich die Anhänger jener unheilvollen Mischung aus um die Umwelt besorgter Esoteriker, ein Untergangsszenario nach dem nächsten, in der unklar erkennbaren Absicht, Bürger- und Freiheitsrechte einzuschränken und sie möglichst bestimmten Bildungs- und Einkommenseliten zu reservieren. Kritik daran wird elegant verwischt:   

Beispielsweise wird Gore (in seinem Film „Eine unbequeme Wahrheit“) mehrfach in einem Flugzeug gezeigt; Al Gore verwendet also selbst auch umweltschädliche Fortbewegungsarten. Dieser Vorwurf basiert auf der Unkenntnis, dass Al Gore jeden Flug und den übrigen von ihm unvermeidlich verursachten Kohlendioxid-Ausstoß durch eine entsprechende Verminderung an anderer Stelle kompensiert hat, indem er – ähnlich wie bei der deutschen Variante „atmosfair“ für entsprechende Treibhausgas-Reduktionsmaßnahmen Geld spendete.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Eine_unbequeme_Wahrheit)  

Das nun funktioniert so: Vielflieger spenden Organisationen wie atmosfair.de, die auf ihrer Webseite die Möglichkeit bieten Treibhausgasemissionen von Reiseflügen durch großzügige Spenden auszugleichen, die sodann in „klimafreundliche“ Projekte in Drittweltländern investiert werden. Die Anbieter der cleveren Geschäftsidee, die freilich nicht als gemeinnütziger Verein, sondern als ebensolche GmbH auftreten (um der staatlichen Stiftungsaufsicht zu entgehen), bieten Emissionsrechner an, die den Schadstoffausstoß von einzelnen Flügen unter frei wählbaren Flugverbindungen berechnen. Ein einfacher Flug von New York nach Berlin etwa erzielt hier 4160 kg CO2, pro Person, so viel wie für 42 Kühlschränke oder zwei Mittelklassewagen pro Jahr aufgewendet werden oder wie etwa sechs Inder („Jahresemissionen indischer Menschen“). Dazu wird nun eine Klimaschutzspende von 84.- € (100 %) oder 42.- € (50 %) vorgeschlagen, die man online buchen kann. Das Prinzip ist klar: Besserverdienende Vielflieger kaufen sich aus ihrer „moralischen Schuld“ und so in etwa funktioniert das soziale Prinzip eines Al Gore: eine moderne Form des Ablasshandels. Ob es den emittierenden Indern wirklich nutzt, wenn ihnen einstige Kolonialherren erneut das Heft des Handelns und der eigenen Selbstbestimmung aus der Hand nehmen, zu einem Zeitpunkt, wo sie wirtschaftlich gerade am Aufholen sind und sogar eigene Weltraumfahrtprogramme besitzen? Ohne Ängste kann man das sicher schwer vermitteln, insbesondere wenn nicht wenige Ökologen relativ vergeblich vor einer „asiatischen Überbevölkerung“ warnen. Als Inder hätte ich an den Motiven der frommen (Un-)Heilsprediger nun auch meine Zweifel… 

Tatsächlich ist es kein Zufall, dass man in Ökoläden auf eine große Anzahl esoterischer Flyer mit Werbung für allerlei Seminare und Produkte findet. Da ist von „magnetischer Wasserbehandlung“, allerlei „kosmischen Energien“, von Astrologie, Kartenlegen, Handlesen, Heilsteinen, Reinkarnation und Gesundbeten die Rede, wird für verschiedene, reichlich bizarre Gurus und Geistheiler geworben, die allesamt eine Alternative zur bösen kapitalistischen Welt anpreisen, dabei aber nicht selten 250.- € (oder auch schon mal mehr) für ein Wochenendseminar verlangen, bei dem man in der Gruppe über frei seine Ängste spricht, die man freilich mit einigen „gezielten Atemübungen“ oder durch das eine oder andere „Aromaöl“ zu meistern lernt, insofern die aufgelegte Hand des Wunderheilers allein nicht bereits wirkt.  

Unterdessen greift die Hysterie immer weiter um sich. Waren es in der letzten Woche noch die riskanten Glühbirnen, so finden sich just heute Schlagzeilen die Computer als „gefährliche Klimakiller“ brandmarken, die gleich noch mal um ein Vielfaches gefährlicher sind als Autos, selbstverständlich wiederum unter Berufung auf „die UN-Studie“. Sicherlich wird man bald Fonds einrichten, die auch Ablasszahlungen für Computer und Glühbirnen entgegennehmen und wer sich das nicht leisten kann steige umweltbewusst um auf Kerzenschein und Schiefertafel.