Archiv für April 2008

Der Lissabonner Vertrag: Zwischen Demokratie und Handlungsfähigkeit

April 29, 2008

 

 

 

Herr Dr. Friedrich, eine lange Denkpause nach der sogenannten Verfassungskrise, verursacht durch die gescheiterten Ratifikationsreferenden in Frankreich und den Niederlanden, hat nun am 13. Dezember 2007 in Lissabon die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Länder zum Unterzeichnen des Reformvertrages geführt. Was empfinden Sie als einer der Promotoren dieses Werkes, sind Sie glücklich, erleichtert, zuversichtlich…?

 

Natürlich bin ich glücklich, dass wir diesen großen Schritt endlich hinter uns gebracht haben. Ich denke auch, dass eine jede Europäerin und ein jeder Europäer, die eine Vorstellung davon haben, wie schwierig es ist, in einer EU-27 gemeinsam Politik zu machen, wissen, wie bitter nötig diese Reformen sind. Aber noch ist das Projekt nicht über den Berg, noch muss es in allen Mitgliedstaaten ratifiziert werden. Sind wir einmal so weit, so bin ich mir sicher, dass neben dem Römischen Vertrag, als Beginn, dem Maastrichter Vertrag, mit dem Euro, der Lissabonner Vertrag als solider Basisgeber des Integrationsprozesses herausragen wird, der auch der erweiterten EU mehr Handlungsfähigkeit eingebracht hat. Daher bin ich zuversichtlich, dass wir diese Chance nicht verpassen und gemeinsam einen Fortschritt in Richtung mehr Europa wagen.

 

Bezüglich der Art und Weise, wie der Reformvertrag auf den Weg gebracht worden ist, wird vielerorts auch Kritik laut, denkt man nur an die Demonstrationen in Brüssel mit Forderungen nach einem Mitspracherecht der Bevölkerung, die den Lissabonner EU-Gipfel begleiteten. Angenommen, dass in den meisten Mitgliedstaaten keine Referenden mehr stattfinden: Müssen Politiker den Vorwurf fürchten, dass sie über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden haben?

 

Ein Stückweit ja. Das Problem ist allerdings, dass leider bei vielen Referenden die Bürger nicht die Frage des Referendums beantworten, sondern den Fragesteller selber beurteilen, sprich: die jeweilige Regierung. Referenden sind eben keine Garantie für eine richtige Politik. Und Politiker haben durch ihre Wahl auch eine Verantwortung, so dass auf nationaler Ebene jeweils entschieden werden muss, ob der Vertrag durch einen Volksentscheid oder aber durch einen Parlamentsbeschluss akzeptiert werden sollte. Und diese Entscheidung muss jede Regierung selber treffen. In Irland z.B. ist ein Referendum vorgeschrieben, aber in Dänemark, in England können die Regierungen so oder so entscheiden. Etwas anderes wäre, wenn man in ganz Europa ein Referendum machen könnte, was ich persönlich begrüßen würde. Dafür ist die Zeit aber noch nicht reif. Dafür gibt es noch keine Verfassung und dafür gibt es noch keine Strukturen. Und weil das nicht geht, muss jeder Mitgliedstaat für sich über den Ratifikationsweg bestimmen.

 

Laut der post-referendalen Eurobarometer-Umfrage in Frankreich haben über 30 Prozent der französischen Wähler, die 2005 den Verfassungsvertrag abgelehnt haben, als Motiv ihres Neins eine vermeintlich allzu liberale und zu wenig soziale Ausrichtung des Entwurfs angegeben. Halten Sie es nicht für problematisch, dass aus diesen Vorwürfen keinerlei Konsequenzen gezogen worden sind? Der Reformvertrag enthält in dieser Hinsicht bekannterweise keine Änderung. Oder war diese Kritik ohnehin nicht ernst zu nehmen?

 

Natürlich ist diese Kritik ernst zu nehmen, gleichzeitig ist sie aber, in gesamteuropäischer Sicht, widersprüchlich. So ist es z.B. in England gerade umgekehrt – dort gilt die Europäische Union als zu sozial. Dieser Reformvertrag muss eben ein Kompromiss sein zwischen den englischen und den kontinentalen Vorstellungen, zwischen Frankreich und Deutschland. Und dieser Text, der vorliegt, war der einzige, der kompromissfähig war. Und da kann der eine sagen, er ist zu sozial, der andere kann wiederum sagen, er ist zu liberal. Aus meiner Sicht ist es ein ausgewogener Text – zwischen sozialer Dimension und effizienter Wirtschaftsform.

 

Reicht es aus, das EU-Parlament aufzuwerten, um die notwendige demokratische Legitimation in der Europapolitik zu gewährleisten?

 

In Politikerreden wird der Reformvertrag oft als ein „Meilenstein auf dem Weg zu mehr Demokratie und Bürgernähe in Europa“ bezeichnet. Inwiefern wird durch die Erweiterung der Kompetenzen des Europäischen Parlamentes die demokratische Kontrolle im Entscheidungsprozess auf EU-Ebene tatsächlich ausgebaut? Hier denke ich z. B. an die selbst in den parlamentarischen Kreisen oft bemängelte Intransparenz bei den Konsultationsprozessen und später bei der Umsetzung.

 

Diese Bedenken sind teilweise schon berechtigt. Wir sind jedoch noch nicht am Ende dieses Weges angelangt. Wenn man vergleicht, welche Kontrollmöglichkeiten das Parlament vor 30, 20 oder noch vor 10 Jahren hatte, hat sich seine Aufstellung als demokratische Kontrollinstanz ständig verbessert. Wir haben noch nie so viele Kontrollmechanismen und Mitentscheidung gehabt wie jetzt, durch den Vertrag von Lissabon – auch wenn ich mir vorstellen kann, dass sie noch stärker gemacht werden könnten. Ein weiterer wichtiger Schritt in diese Richtung ist die Möglichkeit der Einwirkung auf die Gestalt der Gesetzgebung durch die nationalen Parlamente, die bereits im Reformvertrag weitgehend gesichert worden ist.

 

Auf Letzteres bezieht sich auch meine nächste Frage: Inwiefern kann das verstärkte Mitspracherecht der nationalen Parlamente bei der europäischen Gesetzgebung tatsächlich zur Herausbildung eines sogenannten „Subsidiaritätsfrühwarnsystems“ beitragen?

 

Wenn aus dem Bundestag ein Minister zur Ratssitzung nach Brüssel entsandt wird und der Europaausschuss ihm vorher eine Marschroute auf den Weg mitgibt, dann ist er bei der Abstimmung im Rat weniger an sein eigenes Urteil und mehr an das des Bundestags gebunden. Dadurch wird den nationalen parlamentarischen Gremien die Möglichkeit gegeben, im Falle unerwünschter europäischer Gesetzesentwürfe, rechtzeitig Einspruch zu erheben. Wenn ein Drittel der Parlamente den Gesetzesvorschlag ablehnt, muss er von den EU-Institutionen neu überdacht werden. Das bedarf natürlich einer Abstimmung unter den Mitgliedstaaten. Neun Gegenstimmen reichen jedoch dafür, einen Gesetzgebungsprozess aufzuhalten. Natürlich gibt es dabei aber auch die andere Seite der Medaille: Je mehr Konsultationen und mehr Diskussionen praktiziert werden, desto mehr besteht die Gefahr, dass Rechtsakte verspätet zustande kommen. Die Konsensfindung wird zeitaufwendiger, die Entscheidungen werden gegebenenfalls auch zu Lasten der Effizienz ausfallen. Das ist aber unvermeidlich, das sind die Kosten der Demokratie.

 

Wie kann die institutionelle Aufwertung der Parlamente – sowohl der nationalen als auch des EP – dafür genutzt werden, eine stärkere Rückkopplung an den Bürgerwillen zu erreichen und welche Maßnahmen sind notwendig, um die Bürger in die Politikprozesse auf EU-Ebene stärker einzubeziehen?

 

Was den Einfluss auf die Gesetzgebung im allerersten Entwurfsstadium anlangt, so sind sicherlich die öffentlichen Konsultationen im Internet eine gute, wenn auch leider von den Bürgern viel zu wenig genutzte Möglichkeit. Das wäre verbesserungswürdig. Es wäre natürlich auch wünschenswert, dass die Medien etwas ausführlicher über aktuelle europäische Entscheidungsabläufe informieren, und zwar nicht nur in Bezug auf Ergebnisse, sondern auch in den Vorstufen. Damit meine ich die Debatten in parlamentarischen Ausschüssen, die öffentlich sind, wovon die Medien jedoch nur zu selten Gebrauch machen. Wir werden daher vom Europäischen Parlament aus in der nächsten Zukunft ein Web-TV, einen eigenen Parlamentssender im Internet, starten. Dieser sollte den Leuten, die an der Europapolitik besonders interessiert sind, einen besseren Zugang zu Detailinformationen ermöglichen.

 

Und wie verhält es sich mit der direkten Kommunikation, dem Kontakt zwischen den Abgeordneten und den Bürgern – Politikvermittlung, Diskussion, Dialog?

 

Da sind wir als Parlamentarier, vor allem in unseren Wahlkreisen, natürlich in der Pflicht. Aber auch die Bürger sind in der Pflicht, den Kontakt zu uns zu suchen. Es herrscht oft die falsche Vorstellung, dass Politiker nicht wissen, was die Menschen denken. Die „Elitenlastigkeit“ der EU-Politik und ihre „Bürgerferne“ sind zu geflügelten Worten geworden. Ich selbst treffe dagegen jeden Tag normale, einfache Leute, mit denen ich über alle möglichen Themen diskutiere und die mir über ihre alltäglichen Probleme erzählen. Es ist gewiss nicht einfach, allen Anfragen und Terminen nachzukommen – doch wir tun unser Bestes. Europa ist nicht nur in Brüssel, es ist auch vor Ort, in den regionalen und lokalen Bereichen. Daher muss man mit der Kommunikation ganz unten anfangen. Ich bin überzeugt, dass wir auf einem guten Wege sind.

 

Herr Dr. Friedrich, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch!

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Fragen an den Quästor und Präsidiumsmitglied des Europäischen Parlamentes Dr. Ingo Friedrich, MdEP, stellte Agata Szyszko.

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Fussball ist unser Leben

April 29, 2008

 

 

Wenn man über Globalisierung spricht, denken viele zuerst an McDonalds, Coca-Cola, an Hollywood oder Rockmusik, doch kein anderer Lebensbereich ist globalisierter als der Fußball. Der einst lokal geprägte Sport hat sich zu einem multinationalen, kontinentale Grenzen überbrückenden Geschäft entwickelt. Spitzenpartien europäischer Ligen werden weltweit live im Fernsehen gesehen. Vereine wie der FC Bayern München bieten die Inhalte ihrer deutschen Webseite neben dem schon obligatorischen Englisch auch auf Spanisch, Japanisch und sogar Chinesisch an. Während in allen Teams international agierende Mäzene einen bunten Mix aus Südamerikanern, Afrikanern und unterschiedlichsten Europäern zusammenkaufen, erreichen die Transfersummen und Spielergehälter astronomische, stammen vier von fünf Fußbällen, die in deutschen Geschäften verkauft werden aus Pakistan. Wie die begehrten, inzwischen jährlich neu gestalten Spielertrikots werden sie von renommierten Sportartikelherstellern wie Puma oder Adidas nicht selten in Kinderarbeit produziert. Andererseits färben sich abertausende Koreaner oder Japaner, die die „Marke Beckham“ lieben ihre Haare blond, um wie ihr Star auszusehen. Zugleich wird der Fußball von Politikern und Konzernen vereinnahmt, die ihr eigenes Image mit persönlicher Stadionpräsenz, Vereinsmitgliedschaften oder Sponsorentum volkstümlich aufwerten. Aus der TV-Perspektive sieht es so aus, als wären nationale Grenzen und Identitäten aufgehoben und in einer multinationalen, globalisierten Fußball-Welt aufgegangen. Doch der helle Schein der Inszenierung trügt. Fußball ist zwar ein weltumspannendes, zugleich aber durchaus ambivalentes und widersprüchliches Phänomen. Anderswo befürchtete Parallelgesellschaften sind zur gelebten Tagesordnung geworden. Fußball ist insbesondere in Europa längst nicht nur zum Wirtschaftsfaktor mit Milliardenumsätzen gediehen, sondern zum identitätsstiftenden Faktor einer breiten Masse angeschwollen, die sich an der stets wachsenden Anzahl von Live-Übertragungen im Bezahlfernsehen nicht mehr satt sehen kann. Zeitgleich ist der Sport zum Emblem radikaler Fußballfans aus gesellschaftlichen Randgruppen geworden, die ihre Frustrationen und ihre Wut auf den neuen Schlachtfeldern einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft mit brutaler Gewalt und offenem Rassismus abreagieren.

 

Als Deutschland 1954 in der Schweiz gegen die favorisierten Ungarn nur neun Jahre nach Kriegsende (1950 war den Deutschen noch die Teilnahme untersagt worden) den Titel des Fußball-Weltmeisters gewann, hieß es allgemein „Wir sind wieder wer“ und spätere Chronisten sehen in dem als „Wunder von Bern“ stilisierten sportlichen Erfolg die eigentliche Geburtsstunde der Bundesrepublik. Neun Jahre nach der Kapitulation den die überwiegende Mehrheit eher als Zusammenbruch denn als Befreiung erlebte, wagten Deutsche wieder einen gemeinschaftlichen Blick auf sich selbst und sie fanden, dass sie sich „als Weltmeister“ neben den anderen Nationen gut sehen lassen konnten. Die Fußballerspieler wurden in einem nationalen Taumel „als Helden gefeiert wie zehn und fünfzehn Jahre zuvor die Jagdfliegerasse und die erfolgreichen U-­Boot-­Kommandanten“, resümiert der Historiker Hans-­Peter Schwarz in seinem Buch über „Die Ära Adenauer“. Dass ältere deutsche Spieler wie Fritz Walter, Max Morlock oder Toni Turek schon während der Nazizeit zu den Sportheroen gehörten und Herberger für die Nationalmannschaft schon seit 1937 als Reichstrainer verantwortlich war­, interessierte die Gesellschaft nicht mehr. Als im Siegesglück noch „Deutschland, Deutschland über alles“ angestimmt wurde, beanstande das kaum jemand. Augenfälliger war auch der Umstand, dass zum Berner Finale kein einziger deutscher Bundesminister angereist war. Adenauer und Heuß, aufgewachsen in einer Zeit, da das Spiel noch als „englische Fußlümmelei“ und „undeutsch“ galt, hätten eine Einladung auch als Unverschämtheit empfunden.

 

Die propagandistische Ausbeutung des Sports durch die Nazis (diese hatten als nationale Arbeiterbewegung vor allem den „Arbeiterverein“ Schalke 04 für ihre Zwecke instrumentalisiert, der in den zehn Spielzeiten der Naziherrschaft neun mal im Finale der Meisterschaft stand und dabei sechs Titel errang, während der „Judenklub“ FC Bayern München, Deutscher Meister des Jahres 1932, nicht nur sportlich ins Abseits geriet) spielte dabei sicher noch eine gewisse Rolle, doch mit dem Titelgewinn in Bern sollte sich sodann auch die Haltung nachkriegsdeutscher Politiker zum Sport im Allgemeinen und zum Fußball im Besondern ändern. Heute sind im Deutschen Fußball-Bund (DFB) über sechs Millionen Mitglieder in rund 170.000 Mannschaften organisiert (alle politischen Parteien in Deutschland wären froh wenn sie zusammen ein Drittel dieser Mitgliedszahl erreichten), darunter mit steil steigender Tendenz, fast eine Million Frauen und Mädchen. Selbstverständlich zeigt sich, nebst anderer, auch die politische Prominenz mittlerweile zu gern in Stadien und längst nicht nur bei Endspielen. Man sagt, Fußball spiegle den Charakter eines Volkes wieder und Deutsche rühmen sich dabei als diszipliniert, kampfstark und unbeugsam. Kommentatoren bewundern oder reklamieren je nachdem die „klassischen deutschen Tugenden“, die offensichtlich an die Stelle früherer preußischer Tugenden getreten sein mussten. Fußball als gesellschaftliches Vorbild.

 

Im vergangenen Jahr feierte „Fußball-Deutschland“ als erneuter Gastgeber des Turniers zwar anders als 1974 keinen weiteren Titelgewinn, so aber doch unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ sich selbst als „weltoffenen“ Gastgeber. Den oft und auch im Ausland überwiegend wohlwollend zitierten Slogan hatte sich der jüdisch-österreichische Aktionskünstler André Heller ausgedacht. Franz Beckenbauer, Präsident des Organisationskomitees meinte, die WM bieteDeutschland die Riesenchance, sich der Welt als herzlicher Gastgeber zu präsentieren.“ Damit stand er keineswegs alleine. Immer wieder wurde dafür geworben, Deutschland und die Deutschen der restlichen Welt „anders“, sprich aufnahmebereit, kontaktfreudig, gesellig, ja „weltoffen“ darzustellen. Bundeskanzlerin Merkel pries Deutschland als „fußballbegeistertes und weltoffenes Land” zugleich an, so als ob Fußballbegeisterung und Weltoffenheit synonyme, ja austauschbare Begriffe wären. Doch abseits der medialen Kampagnen ist die Lebenswirklichkeit von Spielern wie Fans oft eine ganz andere.

 

 

Es mutet etwas schizophren an: Während Profiklubs wie ZSKA Moskau (UEFA-Pokal-Sieger 2005), 1923 als Sportklub der Roten Armee gegründet und mittlerweile wie Chesea London vom russischen Oligarchen Abramowitsch finanziell gefördert, inzwischen längst auch dunkelhäutige Spitzenstars aus Brasilien spielen, grassiert im Umfeld der der Stadien der Rassismus. Immer wieder thematisiert Amnesty International rassistische Gewalt in Russland, wo allein im ersten Halbjahr 2006 bei rund 100 Übergriffen 18 Personen getötet und 160 bisweilen lebensgefährlich verletzt wurden. Opfer haben es dabei selbst bei ganz eindeutigen Sachverhalten in der Regel schwer, vor ordentlichen russischen Geschworenengerichten Recht zu finden. Immer wieder kam und kommt es zu Freisprüchen der Täter, während dunkelhäutige Opfer der Gewaltverbrechen als „Unruhestifter“ mit der Abschiebung rechnen müssen. Der bizarre Mix aus der Bejubelung schwarzer Sporthelden auf der einen und rassistischer Gewalttaten auf der Straße ist aber beileibe keine russische Eigenart. Auch in westlicher orientierten Staaten wie der Ukraine, in dessen erster Liga allein 18 Nigerianer spielen, oder Polen (das gemeinsam mit der Ukraine 2012 Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft sein wird) haben Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Unter polnischen Hooligans, denen seitens der UEFA ein ausgeprägtes Gewaltpotential attestiert wird, ist derlei Gedankengut weit verbreitet. In Stadien sind antisemitische Slogans „Juden ins Gas!“ zu hören und man sieht Transparente mit deutschen Aufschriften wie „Arbeit macht frei“. Roman Giertych, seit Mai 2006 stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Volksbildung Polens, gründete bereits 1989 im Alter von 18 Jahren die rechtsextreme „Allpolnische Jugend“ (Młodzież Wszechpolska), heute eine Art Neonazi-Kameradschaft, die ihre Mitglieder vor allem aus der Szene gewalttätiger Fußball-Fans rekrutiert. Das Hooligan-Problem existiert in Polen seit Mitte der 1990er Jahre. Immer wieder kam es dabei zu blutigen Schlachten mit zahllosen Verletzten, allein bei Fehden zwischen den Krakauer Hooligans gab es in den letzten Jahren bereits fünf Tote. Zu lange hat die Öffentlichkeit in Polen das Hooliganproblem verharmlost, was bei einer gewissen Nähe mancher Politiker nicht zu sehr verwundern muss. Neuerdings aber reagiert der Staat mit Strenge. Besucher von Spielen werden gefilmt, Namen und Ausweise kontrolliert, straffällige Hooligans sollen vor Schnellgerichten gestellt und Stadionverbote ausgesprochen werden. Das sind begrüßenswerte Ansätze, die aber offenbar nicht zu viel bewirken. Gerade erst wurde Legia Warschau nach Ausschreitungen seiner Anhänger von der UEFA auf zwei Jahre für europäische Wettbewerbe gesperrt. Schwer wiegt eine kaum zu kaschierende ideologische Nähe zwischen verantwortlichen Politkern und Fußball-Schlägern. Wozu dies im Extremfall führen kann, zeigten in beispielloser Weise die Balkankriege. Željko Ražnatović, besser bekannt als „Arkan“ war im jugoslawischen Bürgerkrieg zu Beginn der 1990er Jahre Anführer der paramilitärischen Organisation „Tigrovi“, der der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag eine aktive Beteiligung an Völkermord und ethnischen Säuberungen in Bosnien und im Kosovo vorwarf. Zugleich war er, selbst bewährter und erfahrener Belgrader Hooligan, auch Präsident des Fußballklubs FK Obilic, dem er mittels Gewalt und Einschüchterung gegnerischer Spieler und Schiedsrichter 1998 zur jugoslawischen Meisterschaft verhalf. Seine Fußballkontakte waren entscheidend für den Bürgerkrieg in Jugoslawien, da die bisherige Armee des Vielvölkerstaats zum Zeitpunkt ihres Auseinanderbrechens wegen ihrer Völkermischung kaum in der Lage war, die Schmutzarbeit des Krieges für Milosevic’ Zentralregierung umzusetzen. Arkans Tiger jedoch, als Fußball-Schläger mit alltäglicher Gewalt bestens vertraut und ohne Skrupel leisteten als Kämpfer an vorderster Front zuverlässige Dienste beim Überfall auf Häuser und Zivilisten. Schläger wie die Fan-Gruppe von Partizan Belgrad „Grobari“ („Totengräber“) schienen dabei ihrem Namen traurige Referenz zu erweisen zu erweisen.

 

Es scheint, als ob sich die durch den Fußball produzierten Emotionen längst nicht immer unter Kontrolle halten lassen. Auch im Land des Weltmeisters von 2006 ist die Diskussion um Fußball und Gewalt neu entbrannt, nachdem bei heftigen Fußball-Krawallen Anfang Februar 2007 auf Sizilien ein 38-jähriger Polizist ums Leben kam und mehr als 70 Menschen verletzt wurden. Erst die zeitweilige Einstellung des Spielbetriebs und drakonische Sicherheitsmaßnahmen und Umbauarbeiten in den Stadien haben die explosive Lage wieder beruhigt. Der eruptive Gewaltausbruch kam aber keineswegs zufällig zustande, sind Gewalt und Rassismus auch im italienischen Fußball alltäglich. Das traurigste Beispiel für eine offen rechte Gesinnung ist wahrscheinlich der frühere Stürmer-Star vom Römer Klub Lazio Paolo Di Canio, der 2005 im Derby gegen den verabscheuten Stadtrivalen AS Rom mit hasserfülltem Gesichtsausdruck mit dem Hitlergruß das Publikum grüßte. Der italienische Fußballverband verurteilte Di Canio zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro. Anhänger der offen rechtsextremen Fangruppe „Irriducibili” (“die Unbeugsamen”) demonstrierten sodann mit rund 500 Anhängern vor dem Sitz des nationalen Fußballverbandes, wobei es zu Tumulten, Verletzten und zahlreichen Verhaftungen kam. In den Spielen danach waren von Seiten der Lazio-Fans immer wieder Sprechchöre für den Stürmer zu hören, wobei hunderte von ihnen – wie ihr Vorbild – den rechten Arm ausstreckten. Auch rechtsradikale Symbole wie das Hakenkreuz tauchen im Fanblock von Lazio immer wieder auf und der Rivale AS Rom wird mit Spruchbändern adressiert, auf denen zu lesen steht: „Auschwitz ist eure Heimat, die Öfen sind eure Häuser„.

 

Schwarze Spieler, wie der französische Welt- und Europameister Patrick Vierra von Juventus Turin werden von gegnerischen Fans ausgepfiffen und mit Affenlauten verhöhnt, so bald sie den Ball berühren. Der aus der Elfenbeinküste stammende Marc Zoro vom Erstligisten Messina, von Inter-Fans als „dreckiger Neger“ beschimpft konnte erst nach minutenlangen Zureden von seinen Mailänder Gegenspielern zum Weiterspielen überredet werden, womit eine weitere Eskalation und ein möglicher Spielabbruch verhindert wurde. Fans von Inter hatten beim Mailänder Derby gegen den AC Milan, dem Club des ehemaligen italienischen Premierminister Silvio Berlusconi, im April 2005 den farbigen brasilianischen Torwart Dida mit einem Feuerwerkskörper getroffen und verletzt.

 

Im Oktober 2004 sorgte der spanische Nationaltrainer, der frühere Fußballprofi Luis Aragonés für einen Skandal. Ein heimisches Fernsehteam filmte vor einem Länderspiel gegen Frankreich auf dem Trainingsgelände zufällig mit, wie er seinen Spieler Reyes gegen dessen Londoner Mannschaftskollegen Thierry Henry mit obszönen rassistischen Bemerkungen scharf machen wollte. Der spanische Fußballverband leitete eine Untersuchung ein und belegte Aragonés mit einer eher symbolischen Geldbuße in Höhe von 3.000 Euro, limitierte zugleich aber auch die Bewegungsfreiheit der Presse und Fernsehteams auf dem Trainingsgelände. Offenkundig das falsche Signal. Im Folgemonat wurde beim Freundschaftsspiel zwischen Spanien und England jede Ballberührung eines der dunkelhäutigen englischen Kickers von den Rängen mit Affengebrüll und Schmähgesängen verhöhnt. Dieses Mal entschuldigte sich der spanische Fußballverband RFEF in einem offiziellen Schreiben ausdrücklich bei den englischen Nationalspielern. Da die Wellen der Empörung hoch schlugen und in England Boykottaufrufe gegen spanische Urlaubsorte laut wurden, sah sich sogar der spanische Außenminister Miguel Moratinos veranlasst, seinem britischen Amtskollegen Jack Straw, „im Namen der spanischen Regierung“ um Verzeihung zu bitten und betonte dabei, dass Spanien ein „weltoffenes und tolerantes Land“ sei, in dem Rassismus nichts zu suchen habe. „Rassismus bleibt weiterhin das größte Problem im europäischen Fußball“, ließ der europäische Fußballverband UEFA nach dem Skandalspiel im in Madrid verlautbaren.

 

Das Phänomen des Fußball-Rowdytums ist jedoch britischen Ursprungs, wie der moderne Fußballsport selbst. Fans von Vereinen wie dem FC Chelsea aus London waren in dieser Entwicklung stilbildend und prägten die Welt der Fußballschläger. Es entstanden Fan-Gruppen die sich „Chelsea Headhunters“ nannten und engste Verbindungen zu Organisationen wie „Combat 18“ (die 18 steht dabei für den 1. und 8. Buchstaben des Alphabets, also für AH = Adolf Hitler) unterhielten, jener berüchtigten Schlägertruppe die als „Sicherheitsdienst“ bei Veranstaltungen der rassistischen British National Party (BNP) fungierte und bei zahlreichen Überfällen, Anschlägen und mit dem Versenden von Briefbomben an farbige Sportler mindestens sechs Menschen tötete und in diversen Stadtteilen Rassenunruhen anzettelte. Traurigste Berühmtheit erlangten britische Schläger im Mai 1985 beim Europapokal-Endspiel im Brüsseler Heysel-Stadion, bei dem vor laufenden Kameras 39 Menschen tot getrampelt wurden. Die Folgen waren weit reichend. Alle englischen Vereine wurden danach für fünf Jahre gänzlich von internationalen Pokalwettbewerben ausgeschlossen. Doch schon 1989 sorgte ein englisches Pokalspiel zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest für eine noch größere Katastrophe. Zu viele Fans wurden innerhalb des Stadions in den Liverpool-Block hinein gelassen. Die Fahrlässigkeit der Polizei führte dazu, dass tausende Liverpool-Fans gegen den Zaun gedrückt wurden. 96 Tote und 730 Verletzte waren zu beklagen. Bloße vier Jahre nach Heysel führte die neuerliche Tragödie dazu, dass es in englischen Stadien mittlerweile nur noch Sitzplätze und keine Zäune mehr gibt. Auch sind britische Konzepte gegen Rassismus und Antisemitismus in Stadien sehr viel effizienter als anderswo in Europa. Es hat sich eine „Kultur der null Toleranz etabliert, die dem konsequent und aggressiv entgegentritt“, so Lucy Falkner von der englischen „Football Association“ (FA). Mit bis zu 3 Jahren Haft muss ein Randalierer in England rechnen, wenn er sich diskriminierend verhält oder äußert. Auch im Ausland begangene Straftaten werden entsprechend geahndet. Vereinen, die nicht entschieden genug gegen Rassismus in ihren Stadien vorgehen, drohen Punktabzug, Platzsperren oder sogar ein Zwangsabstieg. Im Zuge von New Economy hat sich die Szenerie freilich auch gerade im Ursprungsland der Hooligans enorm verändert. Die dickste Kröte hatten rechtsgerichtete Chelasea-Fans zu schlucken, als der russische Milliardär Roman Abramowitsch den Verein im Jahr 2003 kaufte und seitdem mehr als sechshundert Millionen Euro in neue, meist ausländische Spitzenspieler investierte. Die stark von Antisemitismus geprägte Konkurrenz der Londoner Chelsea-Fans zu ihren lokalen Widersachern bekam eine eigentümliche Note, waren ihnen doch die „Yids“ von Tottenham und Erzrivale Arsenal London (dessen Hauptaktionär der reiche Diamantenhändler Danny Fiszman ist) verhasst. Nunmehr hatten sie selbst einen jüdischen Besitzer, der fleißig „Afrikaner“ wie Essien oder Drogba kaufte und jüngst sogar noch Israelis wie Ben Sahar und Tal Ben Haim verpflichtete (Anm.: inzwischen ist mit Avram Grant ein Israeli auch Cheftrainer des Klubs). Das ist offensichtlich zu unverdaulich, zumal sich „Chelski“ unter der Ägide des „Öl-Zaren“ mittlerweile zum internationalen Nobelklub und Treffpunkt der Schickeria entwickelte. Es ist kein Platz mehr für Hooligans, wo nun die feine High Society mit Martinigläsern in VIP-Loungen gastiert. Die meisten Hooligans wandern in unterklassige Ligen ab, wo es noch den „echten“, nicht kommerzialisierten Sport gibt – was Schlägereien freilich mit einschließt.

 

Parallele Entwicklungen sieht man in Deutschland, wo deutsche Nationalspieler wie der in Ghana geborene Gerald Asamoah, Vize-Weltmeister von 2002, ausreichend einschlägige Erfahrungen sammeln konnten, obwohl es in der Bundesliga nur selten zu Randale oder rassistischen und antisemitischen Entgleisungen kommt. Ironischerweise ist der blonde, mehrfache Welttorhüter Oliver Kahn regelmäßiges Opfer entsprechender rassistischer Schmähgesänge, die ihn mit zugeworfenen Bananen als „hässlichen Affen“ verhöhnen, was möglicherweise auch mit seiner angeblichen, in bestimmten Fankreisen vermuteten, wohl gar nicht vorhandenen „jüdischen Abstammung“ zu tun hat. Ansonsten werden Rassismus und Gewalt wie in England verstärkt in die unteren Ligen verdrängt, wo die Mittel für Vorbeugung und Sanktionen fehlen. Fanbetreuer, Videoüberwachung, Stadionverbote? Fehlanzeige. Die viel zitierte „Weltoffenheit“ verliert sich in der Provinz. Im Dezember 2005 beispielsweise entfalteten einige Cottbusser Fans ein Transparent auf dem das Wort „Jude“ zu lesen war. Das D in Juden wurde ersetzt durch den geschwungen geschriebenen Großbuchstaben, Emblem von Dynamo Dresden, flankiert von zwei Davidsternen mit den Buchstaben DD. Kein Einzelfall. Selbst in Regionalligaspielen ist Antisemitismus präsent. Der Chemnitzer FC ist zu Gast beim FC St. Pauli. Bereits vor dem Spiel skandieren die mitgereisten Chemnitzer Fans Gesänge wie „Eine U-Bahn, eine U-Bahn bauen wir – von St. Pauli bis nach Auschwitz“. Das Spiel selbst muss mehrere Minuten wegen Rauchbomben und Ausschreitungen unterbrochen werden.

 

Bundesweite Aufmerksamkeit erlangte das Oberligagastspiel von Sachsen Leipzig in Halle. Immer wenn der Leipziger Spieler Ade Ogungburean an den Ball kam imitierten die Fans Affenlaute. An sich bereits ein kaum mehr erwähnenswerter Vorfall, wenn der beleidigte Spieler sich nicht seinerseits mit einem Hitlergruß an die grölenden Zuschauer gewandt hätte. Der Mob stürmte daraufhin von der Tribüne und wollte Vergeltung üben. Es kam zu Handgreiflichkeiten, bei denen Ogungburean auch persönlich von Fans geschlagen und verletzt wurde. Die Partie musste abgebrochen werden. Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten zunächst nicht gegen die Angreifer, sondern gegen den Spieler, doch das Verfahren wurde schließlich eingestellt. Sehr zum Unmut der gegnerischen Fußball-Fans, die nunmehr sogar noch eine Bevorzugung des Afrikaners monierten: „Wir kriegen auch ein bis anderthalb Jahre aufgebrummt, wenn wir einen Hitlergruß machen.“ Wo einige Schlachtenbummler meinten, man müsse „den Nigger erschießen“, zeigten andere durchaus – globalisierungskritisch – gesehen ein gewisses exemplarisches Verständnis für dessen Situation: „Die Feinde sind nicht die Nigger, die Feinde sind die, die es ermöglichen, dass die überhaupt hier spielen können.“   

 

Tatsächlich gibt es im Fußball ausgeprägte Migrationsbewegungen vom armen Süden in den reichen Norden, analog zu den realen Flüchtlingsströmen etwa von Afrika nach Europa. Jahr für Jahr kommen tausende Menschen bei dem Versuch ums Leben, mit Schlauchbooten oder in völlig überladenen billigen Kuttern nach Europa zu gelangen ums Leben. Die spanische Guardia Civil schätzt, dass es an manchen Tagen bis zu 700 Menschen illegal versuchen das Meer zu überwinden. Experten gehen davon aus, dass mindestens die Hälfte der Illegalen, die niemand registriert und von keiner Statistik erfasst werden, im Meer ertrinkt. Weltklassespieler wie Michael Essien hingegen brauchen nicht ihr Leben zu riskieren, um nach Europa zu kommen. Der Ghanaer, zweifacher Fußballer des Jahres in Frankreich wurde für 38 Millionen Euro von Lyon nach Chelsea geholt. Barcelona zahlte für den Kameruner Samuel Eto’o 27 Millionen Euro. Rund 5.000 „ballverliebte“ brasilianische Kicker spielen in Europa und längst nicht nur bei großen Spitzenklubs. Man findet sie in zweitklassigen rumänischen Mannschaften ebenso, wie in fußballerisch noch unbedeutenderen Ländern wie Albanien oder auf den Färöer-Inseln. Überall ist es besser als in den heruntergekommenen Slums von Sao Paolo oder Rio. Und wo sie erst einmal den Sprung ins Eldorado Europa geschafft haben, bekommen ihre Träume Flügel, denn die meisten Träumenden schaffen es nicht mal nach Albanien.

Doch Vorurteile und Rassismus zerstören nicht nur das Spiel, sondern auch so manchen Traum ums „runde Leder“, das pakistanischen Kinderhände für wenige Cents schon längst aus Kunststoffteilen zusammennähen, ehe sie in Europas Sportgeschäften mit Adidas-Logo und dem offiziellen Segen des Fußball-Weltverbandes FIFA, zugelassen und geprüft für 150 Euro verkauft werden.

 

Europas Fußball bleibt weiterhin das erfolgreichste und vielleicht folgenreichste Produkt jenes weltumspannenden Phänomens namens Globalisierung, das zeitgleich als Vehikel für brutalsten Rassismus und multikulturelle Völkerverständigung, für horrende Milliardengewinne und uneingeschränkte Ausbeutung, für exklusive Massenunterhaltung und soziale Verarmung auftritt. „König Fußball“ ist omnipräsent und wird in vollen Arenen inbrünstiger zelebriert als jede Religion. Als integraler Bestandteil der eigenen, der lokalen wie auch der nationalen Identität behaupten die jungen, athletischen Protagonisten stellvertretend eigene Wünsche und Träume in einer ansonsten fremden und unverständlichen Welt. Selbst entschiedene Globalisierungskritiker stellen den Fußball nicht in Frage, zu selbstverständlich nutzen auch sie die ihnen willkommenen Identifikationsmuster, sei es der Lokalpatriotismus oder die Freude an einer weltumspannenden Gemeinsamkeit. Trotzdem einige der größten Namen des Weltfußballs wie Pele, Beckenbauer, Matthäus oder neuerdings auch Beckham als Spieler und Werbeträger in den USA aktiv waren, stießen die Kicker im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ an Grenzen und konnte trotz mehrer Anläufe und einer im Land ausgetragenen Fußballweltmeisterschaft nie richtig Fuß fassen. Das ist freilich nicht ohne Ironie, stehen die USA doch als angebliche Anstifter der Globalisierung oft am Pranger weltweiter Kritik. Tatsächlich aber lehnen die meisten Amerikaner den europäischen Fußball – mit bekannter globalisierungskritischer Rhetorik – als „unamerikanisch“ ab und fürchten, um eigene amerikanische Werte, wie sie Baseball, Basketball oder Eishockey verkörpern.

 

(Verfasst im Sommer 2007, erschienen im „EuroJournal pro management“ Heft 4/2007)