Zum Auftakt seines Gastspiels in der Türkei hat Papst Benedikt XVI. um Versöhnung und Dialog mit dem Islam geworben und dabei den Islam als „Religion des Friedens“ gewürdigt. Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche ist seit seiner umstrittenen Islam-Rede in Regensburg die in der islamischen Welt für erhebliche Verstimmung sorgte sichtlich bemüht, Kritik an seiner Haltung zur muslimischen Religion zu entkräften, zumal es in der Türkei schon vor dem Besuch zahlreiche Proteste gegen den Papst und seine Visite gab. Bei einem Treffen mit dem Oberhaupt der türkischen Muslime, Ali Bardakoglu, betonte Benedikt deshalb auch die Dringlichkeit, den Dialog zwischen Christen und Muslime fortzusetzen. Auch der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan traf sich kurzfristig mit dem Papst, obwohl er zuvor ein Treffen aus Termingründen abgelehnt hatte. Das wurde als diplomatischer Affront gegen den Vatikan gewertet und so fand Erdogan schließlich doch noch Zeit für ein kurzes Treffen mit dem römischen Pontifex. Erdogan zufolge sprach sich Benedikt dabei ihm gegenüber klar für eine Mitgliedschaft der Türkei in der Europäischen Union aus und zitierte dabei den Papst wörtlich: „Wir wollen, dass die Türkei Teil der EU ist.“
Dies sorgt selbstverständlich für einigen Wirbel im politischen Europa, machte doch zeitgleich die Nachricht die Runde, dass die EU unter der finnischen Ratspräsidentschaft weitere Beitrittsverhandlungen mit der Türkei wegen des Streits in der Zypernfrage in Frage stellt. Medienberichten zufolge will Brüssel durchsetzen, dass die Beitrittsverhandlungen in sechs bis neun der insgesamt 35 so genannten Kapitel eingefroren werden. Dabei sollen alle Bereiche ausgeklammert werden, „die eine Verbindung mit den Handelsbeschränkungen gegenüber Zypern haben“. Der derzeitige EU-Ratvorsitzende Finnland hatte die Gespräche mit der Türkei über die Zypern-Frage am Montag für gescheitert erklärt und Konsequenzen angekündigt. CSU-Chef Stoiber geht dabei noch weiter und griff die Regierung in Ankara scharf an: Die „Sitten und Gepflogenheiten“ Ankaras, in „die europäische Familie“ zu wollen und zuvor Forderungen zu stellen, seien „völlig inakzeptabel“. Zudem unterstrich er einmal mehr seine generelle Ablehnung einer Aufnahme der Türkei, die kein europäischer Staat sei: „Sie in die Union aufzunehmen, würde den Charakter Europas verändern.“ Umso bemerkenswerter sind die Äußerungen des bayerischen Papstes, der sich in seinem früheren Amt als Kardinals auch mehrfach gegen eine Aufnahme der Türkei in die EU ausgesprochen hatten, nun aber dem Vernehmen nach einen völligen Positionswechsel unternommen haben soll. Dies mochte der Vatikan auf Anfrage so freilich nicht bekräftigen. Federico Lombardi, Sprecher des Vatikans relativierte die von Erdogan überlieferte Aussagen des Papstes und räumte ein, der Vatikan habe in solchen politischen Fragen „keine Kompetenz“, betrachte aber die Annäherung der Türkei an Europa als positiv und ermutige diesen Weg. Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, Nummer 2 im Kirchenstaat, jedoch sagte wieder etwas klarer: „Ich hoffe, dass die Türkei die Bedingungen zum Beitritt in die EU und zur Integration in Europa erfüllen kann.“ Prinzipiell scheint der Vatikan also durchaus die EU-Mitgliedschaft der Türkei zu begrüßen, wo zahlreiche konservative Politiker in Europa sich eher eine etwas unklar definierte „privilegierte Partnerschaft“ als Verhandlungsziel favorisieren. Wie auch immer haben die in der Türkei sehr wohlwollend aufgenommenen Äußerungen des Papstes das Verhältnis zwischen Ankara und dem Vatikan schon gestern spürbar entkrampft. Papst Benedikt könnte mit einem solchen Sinneswandel, dem inoffiziellen, von römischen Kaisern übernommenen Titel der Päpste als Pontifex Maximus (zu deutsch: Oberster Brückenbauer) tatsächlich gerecht werden und eine politische Brücke über den Bosporus schlagen, der in mancherlei Hinsicht eher eine ideologische, als eine geographische Grenze darstellt.