Vordergründig stehen sicher „friedliche und faire“ Wahlen in der Demokratischen Republik Kongo im Blickpunkt, doch die „EUFOR RD CONGO“, wie die EU-Kontingente im amtlichen Sprachgebrauch heißen, sollen auch den weithin sichtbaren Beleg dafür erbringen, dass die EU außenpolitisch handlungsfähig ist, will sie doch notfalls auch mit Gewalt für Ordnung sorgen. Der Einsatz im zentralafrikanischen Staat will dabei auch unterstreichen, dass die EU den Nachbarkontinent als seine direkte Einflusssphäre betrachtet. Seitdem sich die EU einen „Hohen Repräsentanten für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik“ gegeben hat und Javier Solana dessen Angelegenheiten wahrnimmt, hat der Spanier unermüdlich die Rolle und Präsenz der Union im Ausland gestärkt. Nach Solanas Vorstellungen dürfe sich die EU ihrer gewachsenen internationalen Verantwortung nicht mehr entziehen. Dabei spielt auch die wirtschaftliche Komponente eine tragende Rolle, denn der Kongo verfügt über reiche Rohstoffvorkommen, wie Kupfer, Coltan, Niob, Gold und Diamanten und das z.B. für Mobiltelefone begehrte Tantal, weshalb der für die Region zuständige EU-Beauftragte Aldo Ajello aus der wirtschaftsstrategischen Bedeutung des Kongo auch keinen Hehl macht: „Eine Destabilisierung wäre eine Katastrophe für uns alle.“ Vergleichsweise bescheiden nehmen sich im Verhältnis zur wirtschaftlichen Bedeutung und zur Größe des Landes die 250 Millionen Euro aus, die seitens der EU-Kommission und ihrer nationalen Regierungen bisher für die Organisation der kongolesischen Wahlen bereitgestellt wurden, wenngleich diese 80 Prozent der Gesamtkosten abdecken.
Neben der zeitlichen Begrenzung der Mission kritisieren internationale Hilfsorganisation wie Caritas vor allem die äußerst geringe Anzahl von nur 2000 eingesetzten Soldaten (knapp ein Viertel des EU-Kontingents im wesentlich kleineren Bosnien) wovon 780 aus Deutschland stammen, die bestenfalls symbolischen Charakter besitzt, zumal 1100 davon nur im benachbarten Gabun stationiert sind und auf eine etwaige „Zuspitzung der Lage“ warten. Ansonsten beschränkt sich die Präsenz im zentralafrikanischen Staat der sechseinhalb Mal so groß ist wie Deutschland im Wesentlichen auf die Hauptstadt Kinshasa. Dort befinden sich unter dem Namen EUPOL-Kinshasa seit April 2005 bereits rund 30 Polizeiausbilder im Bemühen aus ehemaligen Bürgerkriegsgegnern eine reguläre Polizeitruppe auszubilden, die die zivile Bevölkerung schützt anstatt sich an ihr zu vergehen. Zwei Monate später folgten weitere EU-Berater (EUSEC), die vor allem die kongolesische Regierung von Präsident Joseph Kabila in Sicherheitsfragen beraten.
In der Nähe zum Regime Kabilas liegt nun auch das Problem in der Akzeptanz des EU-Kontingents in der kongolesischen Bevölkerung, argwöhnen viele doch, dass das einzige Interesse der EU darin bestünde, das für seine massiven Menschenrechtsverletzungen international umstrittene Regime Kabilas aus rein wirtschaftlichen Motiven zu festigen. Viele Oppositionelle im Kongo sehen die anstehenden Wahlen unter EU-Beobachtung – trotz bereits zugesicherter wirtschaftlicher Hilfe für das Land – auch bereits als eine Farce und es bleibt offen, was passiert, wenn das Ergebnis der Wahlen von den Wahlverlierern nicht akzeptiert wird und es zu Unruhen kommt. Wird die EU dann ihre Truppen aufstocken, um ggf. Kabilas Regime an der Macht zu halten oder wird sie einfach das Feld räumen? Die von EU-Beobachter Ajello betonten wirtschaftlichen Interessen der EU lassen letzteres bezweifeln. Der Umstand, dass die deutschen Soldaten bei ihren ersten Erkundungsfahrten durch Kinshasa nicht gerade umjubelt worden – Einsatzkräfte berichteten von Drohungen und offener Gewalt -, lässt wenig Spielraum für Optimismus, zumal der Einsatz im Kongo auch in Deutschland von zwei Dritteln der Bevölkerung in Meinungsumfragen abgelehnt wird. Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Gertz sprach nach seiner Rückkehr von einem mehrtägigen Besuch in der kongolesischen Hauptstadt, zwar hätten ihm alle offiziellen Gesprächspartner die Bedeutung des Einsatzes für die Absicherung der Wahlen beglaubigt, „aber unser Eindruck ist, dass das in der breiten Bevölkerung noch lange nicht angekommen ist. Auch unsere Soldaten selber glauben daran nicht. Abgesehen von der militärischen Führung habe ich keinen getroffen, der vom Sinn des Einsatzes überzeugt ist.“
Ob Deutschland und die EU bei ihrem gewagten Versuch zunächst ein Risiko einzugehen und etwaige Fehler unterwegs zu korrigieren trotzdem Erfolg haben können, wird sich zeigen. Gertz zufolge jedenfalls ist die von Verteidigungsminister Jung versprochene Rückkehr der Soldaten noch vor Wehnachten eine „sehr optimistische Erwartungshaltung„.